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August Wilhelm Wedeking (*Bremen 1807 - † München 1875), Maler

Gertrud Margarethe Wedeking, geb. Heyn, die Gattin des Künstlers (1811-1843) , 1842

Gertrud Margarethe Wedeking wurde am 24. Oktober 1811 in Bremen als Tochter von Gertrude (geb. Otten) und Otto Peter Heyn geboren. Am 31. Juli 1831 heiratete sie den Bremer Künstler August Wilhelm Wedeking. Aus der Ehe gingen die Kinder Gertrude und August Adolph hervor. Das Porträt entstand 1842, ein Jahr vor dem Tod Gertrud Margarethes. Sie ertrank am 1. April 1843 in der Weser.(1) Das Gemälde zeigt Gertrud Margarethe in Halbfigur vor einem dunklen neutralen Hintergrund. Sie steht mit dem Oberkörper schräg zum Betrachter und wendet ihm das Haupt en face entgegen. Die Kleidung entspricht der damals aktuellen Mode: Das Festkleid hat eine dunkle moosgrüne Färbung. Aus dem samtenen Ausschnitt schaut eine Borte aus handgefertigter Spitze hervor. Mit der linken Hand fasst die Dargestellte in den weichen Pelzrand einer roten Samt-Pelerine, welche sie locker um die Schultern trägt.(2) August Wilhelm Wedeking verewigte seine Gattin in jugendlicher Schönheit. Das weite Dekolleté des Kleides legt die abfallenden Schultern frei. Von schräg vorne fällt das Licht ein und erhellt die zarte, glatte Haut der Dargestellten. Der rosige Teint auf Kinn und Wangen sowie die Physiognomie mit dem kleinem Mund und den großen Augen verleihen Gertrud Margarethe eine beinahe kindliche Ausstrahlung. Der Kontrast zwischen dem dunklen, glänzenden Haar und dem nahezu leuchtenden Inkarnat setzt den Blick der Dargestellten in Szene. Als Rahmen des Gesichtes dient die modische Frisur mit dekorativem Doppelscheitel, dessen Symmetrie sich in den langen Ohrgehängen fortsetzt.(3) Stilprägend für dieses Porträt waren unter anderem die Damenbildnisse des Münchener Hofmalers Joseph Karl Stieler (1781–1858). Dies gilt insbesondere für die 36 Gemälde, welche Stieler von 1827 bis 1848 für die Schönheitengalerie auf Schloss Nymphenburg schuf.(4) Die Frauenporträts des Malers wurden von den Zeitgenossen sehr geschätzt, da dessen Modelle laut Georg Kaspar Nagler „auch im Falle der Idealisierung ihre Individualität bewahren“.(5) In Gegenüberstellung mit dem Bildnis der Prinzessin Adelgunde von Bayern aus dem Jahr 1839(6) wird erkennbar, dass Wedeking wesentliche Gestaltungsmerkmale von Stieler übernahm: den Bildausschnitt, den schräg zum Betrachter stehenden Körper, den Schwanenhals, die schimmernden Reflexe auf dem dunklen Haar, die weichen Rundungen des Gesichtes und die großen Augen. Wedekings Frauenbildnis ist typisch für die Porträtmalerei des Biedermeier. So setzte beispielsweise der Maler Ferdinand Georg Waldmüller beim Porträt seiner Ehefrau (Bildnis der Anna Waldmüller, der zweiten Gattin des Künstlers, 1850, Österreichische Galerie, Wien)(7) ganz ähnliche Mittel ein: Das weite Dekolleté und das Licht bringen die sinnlich weibliche Haut zum Leuchten. Anders als Wedekings zurückhaltend auftretende Gertrud Margarethe zeigt die Gattin Waldmüllers ein reizendes Lächeln. Darüber hinaus intensivierte der österreichische Maler die Seitenwendung von Haupt und Blick, wodurch die Dargestellte insgesamt lebhafter erscheint. Dem Bescheidenheitsgestus des Bremer Porträts stehen in Waldmüllers Bildnis eine aufwendige Draperie und ein ausladendes rotes Sitzmöbel gegenüber. Es wird deutlich, dass den Porträtmalern, trotz aller zeitgebundener Vorgaben, ein Spektrum an Darstellungsmodi zur Verfügung stand. In dessen Rahmen konnten sie das äußere Erscheinungsbild und den Charakter ihrer Modelle auf unterschiedliche Weise zur Schau stellen. In seinen 1806 veröffentlichten Ausführungen Über das Kunstschöne erläuterte Carl Ludwig Fernow, dem Porträtmaler bleibe „neben der treuen Nachahmung seines Vorbildes zugleich ein gewisser Spielraum für die freie Anwendung seines hervorbringenden Talents“. Beispielsweise durch Komposition, Lichtführung und Verfeinerung der Gestalt bringe der Maler „das Charakteristische und Bedeutende […] und alle Theile seiner Darstellung in eine gefällige Harmonie“. So könne „der Künstler selbst das Porträt idealisieren und verschönern, ohne der treuen Ähnlichkeit desselben im Wesentlichen Abbruch zu thun“.(8) Kai Hohenfeld (1) Vgl. Die Maus. Gesellschaft für Familienforschung e. V., Bremen, Stammtafeln Nr. 7106, 7107. Zum Tod der Gertrud Margarethe Wedeking in der Weser vgl. o. V.: Altbremer Familienbilder, in:Weser-Kurier, 24.12.1955. (2) Wir danken Frau Prof. Waltraud Dölp, Bremen, für ihre freundliche Unterstützung bei der Analyse der dargestellten Kleidermode. (3) Der V-förmige Scheitel war zur Entstehungszeit des Gemäldes in Mode: Beispielsweise zeigt das Damenbildnis von Rudolf Friedrich Wasmann aus dem Jahr 1840 in der Kunsthalle Bremen (Inv. Nr. 682–1951/10) eine solche Scheitelung in Kombination mit locker herabfallenden Korkenzieherlocken. Vgl. Gerhard Gerkens/Ursula Heiderich: Katalog der Gemälde des 19. und 20. Jahrhunderts in der Kunsthalle Bremen, 2. Bde., Bremen 1973, Bd. 1, S. 356, Bd. 2, Abb. 43. (4) Vgl. Ulrike von Hase-Schmundt: Stieler, Karl Joseph, in: The Dictionary of Art, hg. von Jane Turner, London/New York 1996, Bd. 29, S. 658. (5) Neues allgemeines Künstler-Lexikon, bearb. von Georg Kaspar Nagler, Bd. 17, München 1847, S. 349. (6) Vgl. Ulrike von Hase: Joseph Stieler 1781–1858. Sein Leben und sein Werk. Kritisches Verzeichnis der Werke [Materialien zur Kunst des 19. Jahrhunderts, Bd. 4], München 1971, S. 139, Nr. 189. (7) Vgl. Klaus Albrecht Schröder: Ferdinand Georg Waldmüller, Kat. Ausst. Kunstforum Länderbank Wien 1990, München 1990, S. 183, Nr. 73, Taf. 75. (8) Carl Ludwig Fernow: Über das Kunstschöne, in: Römische Studien. Erster Theil, Zürich 1806, S. 320–324, 364–366, 371–372, zitiert nach: Porträt, hg. von Rudolf Preimesberger/Hannah Baader/Nicola Suthor [Geschichte der klassischen Bildgattungen in Quellentexten und Kommentaren, Bd. 2], Berlin 1999, S. 391–392.
Abmessungen
  • Objekt: 72,5 x 58 cm
Raum
nicht ausgestellt
Inventarnummer
1396-2005/3
Permalink

Werkinformationen

Künstler

August Wilhelm Wedeking (*Bremen 1807 - † München 1875), Maler

Werk
Titel
Gertrud Margarethe Wedeking, geb. Heyn, die Gattin des Künstlers (1811-1843)
Entstehungsdatum
1842
Grunddaten
Abmessungen
  • Objekt: 72,5 x 58 cm
Werktyp
Gemälde
Technik
Öl auf Leinwand
Bezeichnungen
  • unten rechts signiert und datiert: AW Wedeking 1842.
Erwerbsinformation

    2005

  • Geschenk Kurt Freese, Gertrude Freese-Frerichs und Tochter Petra, Massapequa, New York 2005
Creditline
  • Kunsthalle Bremen. Foto: Karen Blindow

Kollektionen