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zugeschrieben an Pierre-Antoine Demachy (*1723 - † 1807), Zeichner

Straßenszene, Frau mit Kindern, aus: Skizzenbuch mit Figurenstudien und Ansichten des Palais Royal, 1764-1770

Dieses den Fachleuten unbekannte Skizzenbuch, das seit seinem Eingang in die Sammlung der Kunsthalle Hubert Robert zugeschrieben wurde, muss seinem Zeitgenossen Pierre-Antoine Demachy zurückgegeben werden. Dieser ist weniger berühmt, aber dennoch eine wichtige Figur in der Pariser Kunstszene der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Demachy, Sohn eines Tischlers, begann seine Ausbildung im Atelier des Malers, Architekten und Bühnenbildners Giovanni Niccolò Servandoni und absolvierte seine gesamte Karriere in der Académie royale de peinture et de sculpture. Demachy wurde 1754 als ‚Architekturmaler‘ zugelassen, 1758 aufgenommen und 1769 im Louvre einquartiert, bevor er 1775 zum Berater der Akademie und 1786 zum Professor für Perspektive ernannt wurde. Wie jedes Akademiemitglied stellte er von 1757 bis 1802 im Salon Gemälde und Zeichnungen aus, die den städtebaulichen und kulturellen Wandel von Paris thematisierten, darunter seine berühmte Dégagement de la Colonnade du Louvre (1764). Demachy begann 1763 unter der Leitung des Architekten Pierre Contant d’Ivry eine Tätigkeit als Dekorateur im Palais Royal, der Residenz des Herzogs Louis-Philippe d’Orléans. Diese bedingte sein Interesse am aktuellen Geschehen rund um die bescheidene, ja sogar mittellose Arbeiterbevölkerung, die die Baustelle des Palais Royal frequentierte. Es ist dieser wichtige Aspekt von Demachys Kunst, der es uns ermöglicht, ihm dieses Skizzenbuch in Gänze zuzuschreiben. Es besteht kein Zweifel daran, dass Demachy das Büchlein intensiv nutzte, da er nur vier Seiten leer ließ; der Rest wurde von beiden Seiten verwendet, nachdem der Künstler sichergestellt hatte, dass der Falz entlang des linken Randes oder am oberen Rand lag, um die Bewegung seiner rechten Hand nicht zu behindern. Das Heft in einem Einband aus Karton, der mit Pergament überzogen ist, besteht aus 57 Folioseiten (nicht nummeriert) in Fadenheftung, von denen 30 im Querformat verwendet werden, auf denen Demachy hauptsächlich mit schwarzer Kreide zeichnet. Aus diesem Verbund wurden beim Verkauf im Kunsthandel zusätzliche fünf Seiten herausgelöst, die sich nun als Einzelblätter im Bestand der Kunsthalle befinden nachdem sie 1970 nachträglich erworben wurden. Einige wurden mit Feder und brauner Tinte nachgezeichnet, um die Konturen zu verstärken (Fol. 34r., 33v., 25r., 15r., 14v.), andere sind mit grauem Lapis hervorgehoben, um die Schatten wiederzugeben (Fol. 56v., 56r., 55v., inv. 1970/326). Es ist anzunehmen, dass diese Überarbeitungen zu einem späteren Zeitpunkt im Atelier hinzukamen. Tatsächlich scheinen die Charakterstudien aus dem Leben gegriffen zu sein, was die Vorliebe für Modelle erklärt, die sich in Gruppen unterhalten oder sitzend bzw. in Ruhe dargestellt werden. So fängt Demachy kleine Kinder ein, die sich auf Lastkarren vergnügen (Fol. 17r., 16v.), neugierige Spaziergänger (Fol. 54r., 54v.), Wachen (Fol. 49r.), Steinmetze (Fol. 6r.) und Wasserträger (Fol. 3v.). Länger verweilt er bei behelfsmäßigen, schlafenden Modellen: ruhende Männer (Fol. 44r.), Arbeiter, die auf einem Stein ein Nickerchen machen (Fol. 25r., 15v.) oder auf dem Boden liegende Landstreicher (Fol. 37v., 32r., 28v.). Innerhalb dieser vielteiligen Studien gibt es zehn skizzenhafte Seiten mit Architekturplänen ohne Legende und 28 Seiten, die vollständig mit Architekturansichten bedeckt sind, welche mit Figuren belebt wurden, vorzugsweise im Hochformat. Sie sind mit wenigen Strichen gezeichnet, die durch Verwischung des frischen Zeichenmittels ergänzt wurden, um deren Volumen zu verstärken (Fol. 39r., 38r., 36r., 35r., 27r., 10r., 6v., 4v.). Abgesehen von einigen architektonischen Capricci (Fol. 46v., 47v., 40r.) scheinen diese Ansichten mit den Umbauten des Palais Royal in Verbindung zu stehen. Demachy dokumentiert die laufenden Arbeiten und zeigt insbesondere die Erneuerung der Peristyle (Fol. 27r., 23r., 19v., 6v.) und den Bau der Ehrentreppe durch Contant d’Ivry, dessen weiche und schlichte Linien Demachy aufgreift (Folio 59a). Auf einer anderen Seite des Skizzenbuchs erfasst Demachy eine Gruppe von Arbeitern auf dem Gesims der berühmten Treppe (inv. 1970/326r.), während er an anderer Stelle das Dekor des rechten Erkers skizziert, ein Trompe-l’oeil, das er vor 1768 ebenfalls in Grisaille malte (Fol. 7r.; vgl. Kat. Ausst. Versailles 2014, S. 71f.). Schließlich enthält das Büchlein sechs Studien, die den Abriss des Vestibüls im Palais Royal darstellen (Fol. 13v., 12r., 12v., 11r., 9r., inv. 1970/330v.). Die meisten dieser Studien fertigte er zunächst nach dem Leben, später dienten sie als Vorlage für neue Kompositionen, die im Atelier ausgeführt wurden. So wurde beispielsweise die Skizze auf Folio 13v. auf einer Zeichnung im Musée Carnavalet (inv. I.E.D. 5192) aufgegriffen und erweitert, während eine Gouache im Metropolitan Museum (inv. 1984.357) aus drei Kompositionen zusammengesetzt wurde (Fol. 12r., 11r., inv. 1970/330v.). Angesichts dieser zahlreichen Belege wird hier vorgeschlagen, das Heft aufgrund der stilistischen Kohärenz der Figuren und der Verbindungen zu den Arbeiten am Palais Royal in die Zeit um 1764–70 zu datieren. Die Wiederentdeckung dieses Skizzenbuchs wirft ein neues Licht auf Demachys Arbeitsmethoden und macht das Bremer Kupferstichkabinett zu einem der bedeutendsten Orte für das Studium der Werke dieses Künstlers. Sarah Catala
Abmessungen
  • Blatt: 130 x 170 mm
Raum
Werk nicht ausgestellt. Vorlage auf Anfrage möglich.
Inventarnummer
1970/330 recto
Permalink

Werkinformationen

Künstler

zugeschrieben an Pierre-Antoine Demachy (*1723 - † 1807), Zeichner

Werk
Titel:
Straßenszene, Frau mit Kindern, aus: Skizzenbuch mit Figurenstudien und Ansichten des Palais Royal
Entstehungsdatum:
1764-1770
Grunddaten
Abmessungen:
  • Blatt: 130 x 170 mm
Technik:
Graphit
Bezeichnungen:
  • unbezeichnet
Stempel:
  • unten rechts: Prägestempel Kunsthalle Bremen
Wasserzeichen:
Reste
Erwerbsinformation:

    1970

  • Erworben 1970
Objektreferenz
Ikonografie
Provenienz
  • mind. 6.5.1941 Franz Wilhelm Koenigs (3.9.1881 - 6.5.1941) erworben aus unbekanntem Vorbesitz
  • Unbekannt
  • mind. 1959 Edmond Fatio (1.10.1871 - 3.5.1959) erworben aus unbekanntem Vorbesitz
  • Unbekannt
  • mind. 17.6.1970 Kornfeld & Klipstein (1964 - 1972) erworben zur Auktion 136 aus unbekanntem Vorbesitz, Kat. Auktion: Auktion 136: Alte Meister v. 17.6.1970, Herausgeber: Kornfeld & Klipstein; Bern, 1970, Nr. 189
  • 30.9.1970 Kunsthalle Bremen - Der Kunstverein in Bremen erworben auf der Auktion 136 bei Kornfeld & Klipstein, Archivalie: Rechn. Nr. 70/326 v. 30.9.1970, Herausgeber: Kornfeld & Klipstein; Bern, 1970, Nr. 189
  • Creditline Kunsthalle Bremen - Der Kunstverein in Bremen, Foto: Die Kulturgutscanner, Public Domain Mark 1.0

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    Werk nicht ausgestellt. Vorlage auf Anfrage möglich.