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August Wilhelm Wedeking (*Bremen 1807 - † München 1875), Maler

Blick vom Glockenturm , 1847

Blick vom Glockenturm entstand 1847 in München und ist eines der frühen Landschaftsbilder von August Wilhelm Wedeking. Zur Entstehungszeit des Werkes war der Künstler in seiner Heimatstadt Bremen in erster Linie als Porträtmaler bekannt.(1) Der Betrachter scheint in der Glockenstube eines Kirchturmes in sicherem Abstand zu der zerfallenen Brüstung des Schallfensters zu stehen. Grün sprießt das Moos zwischen den losen Ziegelsteinen und Blattwerk ergreift Besitz vom Mauerwerk. Hoffnungserweckend erhellt die frühe Morgensonne die Laibung des gotischen Spitzbogens und dringt in den menschenleeren Raum.(2) Im Schatten an der rechten Innenwand des Turmzimmers hängt unter einem Dächlein und mit einem Kranz geschmückt ein Andachtsbild der Maria mit dem Jesuskind. Staubiges Gerümpel am Boden und zwei herabhängende Seile scheinen dem Betrachter den Zugang zu versperren. Eine kleine Glocke schallt – vom gespannten Seil in Bewegung versetzt – aus der Bogenöffnung über die Dächer.(3) Die Imagination des Klanges schafft eine Verbindung zwischen Drinnen und Draußen. Dem Ton der Glocke folgend, driftet der Blick zwischen rauchenden Schornsteinen hindurch, über einen bewaldeten Hügelrücken mit Kirche hinweg und verliert sich in der diesigen Ferne einer bläulichen Seenlandschaft. Die Bildgegenstände setzen sich aus zarten und feinen Pinselstrichen zusammen. Wedeking vermalte die Farbe so, dass eine glatte Oberfläche entstand. Durch den dünnen Farbauftrag zeichnet sich an verschiedenen Stellen die Textur der Leinwand ab. Kleine Glanzpunkte wie zum Beispiel auf der Glocke, dem Moos und den losen Steinen sind mit vorsichtigen Tupfern plastisch hervorgehoben. Wie der Romantiker Caspar David Friedrich mit seinen Rückenfiguren, Fensterblicken und Landschaftspanoramen weckt Wedeking im Betrachter eine Schausehnsucht, die nie gänzlich gestillt werden kann,(4) denn die Welt draußen wird zum größten Teil vom Gemäuer des Turmbaus verdeckt. Angezogen vom hellen Streifen des Horizontes – allgegenwärtig und doch unerreichbar –, spürt der Schauende den Drang, aus dem Schatten des Vordergrundes herauszutreten, der seine bedrückende Gefangenheit in der irdischen Existenz symbolisiert.(5) Eine vergleichbare Komposition und Lichtführung liegt der Ölskizze Blick in das Colosseum zu Rom von Heinrich Bürkel zugrunde, die 1827 entstand und 1964 von der Kunsthalle Bremen erworben wurde (Inv. Nr. 897–1964/9). Wie bei Wedekings Gemälde handelt es sich um ein typisches romantisches ‚Fensterbild‘. Auch Bürkel konstruiert den Vordergrund als schattige steinerne Arkade, die von Pflanzen bewachsen wird und das von außen herein strahlende Licht auffängt.(6) Als Wedeking seinen Blick vom Glockenturm malte, orientierte er sich an einer populären Komposition des Künstlers Bernhard Stange (1807 Dresden – Sindelsdorf 1880), die in verschiedenen Varianten überliefert ist: Die Abendglocke befindet sich in der Sammlung Schack in München.(7) Ein zweites Bild mit demselben Titel wird im Museum Georg Schäfer in Schweinfurt aufbewahrt.(8) Ferner ist das Gemälde Turmfenster in den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen in München bekannt.(9) In einer Auktion bei Neumeister wurde 1998 Stanges Morgenglocke (Am Seil schwingende Glocke) versteigert. Im Gegensatz zu den vorher genannten Versionen ist dieses Bild datiert: Der Maler schuf das Werk 1845 in München.(10) Hyacinth Holland berichtet 1893 über die Beliebtheit der Turmausblicke: „Größeren Erfolges erfreute sich Stange’s ‚Morgenglocke‘. Das einfache Motiv dazu fand er in Frauen-Chiemsee: Es ist das Innere einer Glockenstube auf einem Turme, mit der Aussicht durch das offene Schallfenster […]. Das Bild, welches noch als ‚Abendgruß‘ – übrigens bald unter den verschiedensten Benennungen – cursierte, […] zog dem Maler eine Menge von Bestellungen zu, so daß Stange, mit verschiedenen Varianten von großen und kleinen Glockenstühlen, dasselbe Bild achtundzwanzig mal wiederholen musste. Eines derselben, unter dem Titel ‚ein Thurmfenster‘ erwarb 1843 König Ludwig I. für die neue Pinakothek“.(11) In den Jahren 1846 bis 1847 studierte Wedeking in München Landschaftsmalerei(12) und höchstwahrscheinlich hatte er in diesem Zeitraum die Möglichkeit, eines von Stanges Bildern zu kopieren. Blick vom Glockenturm wurde bereits 1847 unter dem Titel „Partie aus einem Thurme“(13) in der Gemälde-Ausstellung der Kunsthalle Bremen gezeigt. Wedeking versuchte mit dem sehr gelungenen Kabinettstück, in seiner Heimatstadt als Landschaftsmaler zu reüssieren. Ob den Besuchern bewusst war, dass er sich hier mit fremden Federn schmückte, ist nicht bekannt. Kai Hohenfeld (1) Vgl. Gerhard Gerkens/Ursula Heiderich: Katalog der Gemälde des 19. und 20. Jahrhunderts in der Kunsthalle Bremen, 2 Bde., Bremen 1973, Bd. 1, S. 357. (2) Mit Bezug auf vergleichbare Darstellungen von ruinösen Durchblicken mit Grünbewuchs bei Caspar David Friedrich arbeitet Mario-Andreas von Lüttichau heraus, dass es sich hierbei um eine symbolische Koppelung von Vergänglichkeit und Neubeginn handelt: Das Verfallene wird zum Nährboden des Zukünftigen. Vgl. Mario-Andreas von Lüttichau: Motive. Nebel – Durchblicke – Schluchten und Höhlen – Der Wanderer – Die Rückenfigur, in: Caspar David Friedrich. Die Erfindung der Romantik, Kat. Ausst. Museum Folkwang, Essen/Hamburger Kunsthalle 2006, S. 223–229, hier S. 225f. (3) Das Motiv der Glocke in Kombination mit einem Durchblick in die Tiefe der Landschaft greift bereits Karl Friedrich Schinkel in seinem 1818 datierten Gemälde Felsentor auf (Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin). Nach Börsch-Supan scheint „das Rahmenmotiv des Vordergrundes […] durch die Praxis der Bühnenmalerei angeregt zu sein“. Helmut Börsch-Supan: Bild-Erfindungen [Karl Friedrich Schinkel Lebenswerk, Bd. 20, hg. von Helmut Börsch-Supan/Gottfried Riemann], München/Berlin 2007, S. 433ff., Nr. 265,2, Taf. 25. Über Wedeking ist bekannt, dass er nach seiner 1826 abgeschlossenen Ausbildung als Dekorationsmaler unter anderem Aufträge vom Theater entgegennahm. Vgl. o. V.: Altbremer Familienbilder, in: Weser-Kurier, Nr. 293, 17.12.1955. (4) Vgl. Hans-Joachim Müller: Die Romantik. Erfindung des modernen Ich. Teil 1: Deutschland – Philosophische Abgründe und der Blick über das Nebelmeer, in: Art. Das Kunstmagazin, Januar 2013, S. 53–63, hier S. 58. (5) Vgl. Lüttichau 2006 (wie Anm. 2), S. 226. (6) Vgl. Dorothee Hansen: Deutsche Ölskizzen der Romantik, in: Die Kunsthalle Bremen zu Gast in Bonn. Meisterwerke aus sechs Jahrhunderten, Kat. Ausst. Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn, 1997/98, S. 61–65, hier S. 63. (7) Bernhard Stange, Die Abendglocke (Datiert von der Sammlung Schack um 1870), Öl auf Leinwand, 49,2 x 36,5 cm, bez. „B. Stange“, Sammlung Schack, München (Inv. Nr. 11 606), vor 1874 durch Schack vom Künstler gekauft. Vgl. Schack-Galerie, bearb. von Eberhard Ruhmer u. a., 2 Bde. [Gemälde-Kataloge, hg. von den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, Bd. 2], München 1969, Bd. 1, S. 423f. (8) Bernhard Stange, Die Abendglocke, Öl auf Leinwand, auf Holz aufgezogen, 27 x 21 cm, bez. „B. Stange“, Museum Georg Schäfer, Schweinfurt (Inv. Nr. 74 274 916). Vgl. ebd., S. 424. (9) Bernhard Stange, Turmfenster, Öl auf Leinwand, 62,2 x 51,1 cm, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München (Inv. Nr. 10 638). Vgl. ebd., S. 424. (10) Bernhard Stange, Morgenglocke (Am Seil schwingende Glocke), München 1845, Öl auf Leinwand, 98 x 76,5 cm. Vgl. Kat. Aukt. Neumeister, München, 25.3.1998, S. 221, Nr. 674. Das Bild wurde für 6.000 DM versteigert. Vgl. www.artprice.net, 4.2.2013, 18 Uhr. (11) Hyacinth Holland: Stange, Bernhard, in: Allgemeine deutsche Biographie, Bd. 35, Leipzig 1893, S. 439–444, hier S. 441. (12) Vgl. Ludwig W. Rose: Bremische Geschichte für das Volk, Bremen 1860, S. 365f. (13) Verzeichnis der fünften Gemälde-Ausstellung in Bremen. Eröffnet am 24. April 1847, S. 44, Nr. 519.
Abmessungen
  • Objekt: 43 x 35,5 cm
Raum
nicht ausgestellt
Inventarnummer
567-1949/12
Permalink

Werkinformationen

Künstler

August Wilhelm Wedeking (*Bremen 1807 - † München 1875), Maler

Werk
Titel
Blick vom Glockenturm
Entstehungsdatum
1847
Grunddaten
Abmessungen
  • Objekt: 43 x 35,5 cm
Werktyp
Gemälde
Technik
Öl auf Leinwand
Bezeichnungen
  • unten links signiert und datiert: A W Wedeking 1847
Erwerbsinformation

    1949

  • Geschenk Heinrich Glosemeyer, Bremen 1949
Creditline
  • Kunsthalle Bremen. Foto: Karen Blindow