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Karl Gustav Weinert (*Hermsdorf 1896 - † Bremen 1965), Maler

Fensterblick , 1952

Der Fensterblick von Karl Gustav Weinert bietet dem Betrachter eine ungewöhnlich inszenierte Aussicht auf eine farbenfrohe städtische Landschaft. Zunächst wird der Blick durch die üppig wuchernden Topfpflanzen verstellt, die die linke Bildhälfte fast vollständig ausfüllen. Ein Gummibaum, ein Alpenveilchen und andere anscheinend ungehindert wachsende Pflanzen wurden in großer Dichte auf dem Fensterbrett platziert und erinnern an eine Urwaldlandschaft. Nur in der rechten Bildhälfte ist ein Ausblick auf die Stadt möglich, deren kubische Häuser sich bis an den oberen Bildrand staffeln. Details wie Fenster und Türen sind nur summarisch angedeutet, und Dächer und Schornsteine strahlen in satten Orange- und Gelbtönen, die an eine Stadtlandschaft im südlichen Licht des Mittelmeerraumes denken lassen. Über eventuelle Reisen Weinerts in den Süden ist jedoch nichts bekannt, und in der ausdrucksstarken Malweise offenbart sich vermutlich eine innere, gefühlte Realität. Das Bild wird von den Primärfarben Gelb und Blau dominiert, die durch Komplementärkontraste zum Leuchten gebracht werden, so das Blau der Pflanze ganz links durch das Orange des Hauses direkt dahinter, das Violett des Alpenveilchens durch das Gelb der weiter entfernten Häuser. Die kühlen Farben im schattigen Vordergrund stehen im Gegensatz zu der dahinter liegenden, in warmen Farben gehaltenen, sonnigen Stadt. Der temperamentvolle Umgang mit der Farbe setzt sich in der Art des Farbauftrags mit verschiedenen Spachteln und Pinseln fort. Stellenweise hat der Künstler mit einem spitzen Gegenstand Strukturen in die frische Farbe gekratzt. Diese expressive und zugleich kubisch konstruierte Malweise sowie der subjektive Umgang mit Farben sind charakteristisch für Weinerts Stil und erinnern an fauvistische und expressionistische Tendenzen des beginnenden 20. Jahrhunderts. Im Besitz der Kunsthalle Bremen befinden sich zwei Aquarelle des Künstlers mit ganz ähnlichen Motiven: Blick über Gärten und Häuser und Topfpflanzen am Fenster.(1) Ersteres zeigt wie das Gemälde einen Blick aus erhöhter Perspektive über eine Stadt, wahrscheinlich von einem Fenster oder Balkon aus. Bei dem zweiten Aquarell handelt es sich um einen dem Gemälde verwandten Fensterblick mit Pflanzen im Vordergrund, jedoch bei Nacht und in kühlen, dunklen Farben gehalten. Ein Holzschnitt Weinerts – ebenfalls im Besitz der Kunsthalle Bremen(2) – befasst sich gleichfalls mit dem Thema des Fensters. Möglicherweise beschreibt dieses im OEuvre des Malers die Trennung zwischen eigenen Emotionen und Außenwelt – symbolisiert durch die Nähe der Pflanzen im Vordergrund gegenüber der fernen Stadt. Antje-Britt Mählmann (1) Blick über Gärten und Häuser, 288 x 414 mm, Inv. Nr. 1969/227; Topfpflanzen am Fenster, 377 x 505 mm, Inv. Nr. 1969/229. (2) Fensterblick mit Regenschirmfigur, 35 x 24,8 cm, Inv .Nr. 69/230 (Dauerleihgabe von Frau R. Nohr, Bremen).
Abmessungen
  • Objekt: 47 x 76,5 cm
Raum
ausgestellt: OG Mittelsaal
Inventarnummer
1010-1969/8
Permalink

Werkinformationen

Künstler

Karl Gustav Weinert (*Hermsdorf 1896 - † Bremen 1965), Maler

Werk
Titel
Fensterblick
Entstehungsdatum
1952
Grunddaten
Abmessungen
  • Objekt: 47 x 76,5 cm
Werktyp
Gemälde
Technik
Öl auf Hartfaserplatte
Bezeichnungen
  • unten links signiert: K. G. Weinert
Erwerbsinformation

    1969

  • Leihgabe Rolf-Dieter Ehlinger-Nohr, geb. Weinert, Ettlingen 1994
Creditline
  • Kunsthalle Bremen. Foto: Karen Blindow