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NUTZUNGVON BILDDATEN
Matthäus Zaisinger (*München 1470 - † 1555), Stecher
Frau mit der Eule, 1500
Enthalten in der Kollektion:
Die Sammlung Hieronymus Klugkist – Der Grundpfeiler des Bremer Kupferstichkabinetts
Vor einer Landschaft mit einem Schloss an einem See oder einer Meeresmündung steht eine Frau, die mit ihren ausladenden Röcken versucht eine Eule zu bedecken. Über ihr im Himmel bricht die Sonne mit grellen Strahlen durch eine Wolkendecke, auf der die Warnung „DVCK DICK“ und das Datum 1500 auf einer Banderole erscheinen.
Bei diesem Kupferstich handelt es sich um das Werk des sogenannten Meisters MZ. Wie der Notname beziehungsweise seine Bezeichnung als Monogrammist mit Initialen andeuten, handelt es sich um einen Künstler, dessen genaue Identifizierung bis heute noch aussteht. Einiges spricht dafür, dass es sich bei diesem möglicherweise um den Münchner Goldschmied Matthäus Zaisinger (oder Zasinger bzw. Zaysinger) handelt, dessen belegte Werke – beispielsweise ein von ihm geschaffenes Reliquiar in Andechs – eine klare Inspirationsquelle in den Werken Albrecht Dürers aufweisen (Shestack 1967, Nr. 143 ff.). Auch der Meister MZ griff nachweislich immer wieder auf Motive und Themen des berühmtesten Kupferstechers seiner Zeit zurück. Wie schon Max Lehrs anmerkte (Lehrs 1929) scheint das oft eher spontane und wenig geübt wirkende Handling des Grabstichels durch den Meister MZ jedoch nicht unbedingt mit dem Beruf des mit Sicherheit äußerst versierten Hofkupferstechers Zaisinger zusammenzupassen. Dieser ist in München bis ca. 1555 belegt.
Der Meister MZ schuf insgesamt 22 Kupferstiche, die an vielen Stellen Verbindungen zum Hof von Albrecht IV. von Bayern offenkundig werden lassen. Darunter findet sich ein recht großformatiger Stich mit einer Festgesellschaft bei einem großen Ball (siehe Kunsthalle Bremen, Inv. 9002), auf dem vermutlich Albrecht IV. von Bayern und seine Frau Kunigunde von Österreich am Tisch im Hintergrund zu erkennen sind (Shestack 1967, Nr. 152). Auch auf dem Stich eines Reiterturniers (Kunsthalle Bremen, Inv. 9003) erscheinen die beiden wieder als Gastgeber. In anderen Werken wie MZs berühmter „Umarmung“ wird der Süddeutsche Raum als Beleg für die Herkunft des Künstlers zudem anhand der Mode und des Mobiliars offenkundig. Der Meister MZ verwendete zudem Papiere aus süddeutschen Papiermühlen, die oftmals dieselben Wasserzeichen aufweisen wie diejenigen Dürers.
Der Kupferstich mit der Frau und der Eule zeigt kein unmittelbar von Dürer inspiriertes, sondern vielmehr ein eigenständig erfundenes Motiv. Dieses fügt sich in das Repertoire des Meisters MZ gut ein, da dieser häufig die sogenannte Weibermacht thematisierte. Darunter finden sich sowohl weibliche Heroinnen der Bibel wie Judith mit dem Haupt Johannes des Täufers, aber auch antike Verführerinnen wie Phyllis, die durch ihre Schönheit sogar den großen Philosophen Aristoteles in die Knie zwang. Der hier besprochene Stich dagegen scheint keine bekannte Femme Fatale der Literatur zu zeigen, sondern wirkt durch die Verwendung des Spruchbands mit dem Appell („Duck dich“) vielmehr emblematisch. Die Frau mit den gerafften Röcken wendet sich ihm in die Sonne blinzelnd zu, während die Eule misstrauisch und beinahe nervös auf dem Ast in Bewegung gerät. Anders als in der heute gängigen Deutung der Eule als Symbol für Weisheit wird der Vogel hier als lichtscheues Wesen gezeigt, das die Wahrheit und Gerechtigkeit – symbolisiert durch das strahlende Licht – meidet. Hierbei folgt der Kupferstich vermutlich einer seit dem Mittelalter weit verbreiten Deutung der Eule als nachaktives Wesen der Dunkelheit. Diese durch Isidor von Sevilla und Hrabanus Maurus geprägte Interpretation geht wohl auf die Offenbarung des Johannes (3:20) zurück, in der es heißt: „Jeder, der Böses tut, hasst das Licht und kommt nicht zum Licht, damit seine Taten nicht aufgedeckt werden.“ Die Eule des Meister MZ und ihr rätselhafter Spruch wurden aus diesem Grund seit Adam Bartsch als Sinnbild des sich vor dem Licht der Erkenntnis versteckenden Sünders verstanden. Die Frau erscheint im Zuge dieser Deutung als Komplizin, die der Eule zur Flucht beziehungsweise zu einem Versteck unter ihrem Rock verhelfen möchte. Als lichtscheues Wesen, das sich ignorant vor der Wahrheit zu verstecken sucht, zeigt die Eule sich auch in einem Flugblatt Erhard Schöns von 1540 („Was hilfft mich sunn / licht oder prill / weyl ich doch selbs nicht sehen will“) sowie in Hans Wechtlins Darstellung einer Eule auf einem Schädel von 1520 („Ich Fyrcht Den Tag“). Beide Holzschnitte werden zudem von einem moralisierenden Spruchband begleitet.
Im Kupferstich des Meisters MZ ist anders als in den späteren Holzschnitten die Eule nicht allein gezeigt, sondern in Verbindung zum Weib, das sie verstecken will. Hierin lässt sich eine gewisse Analogie zwischen dem tückischen oder verführerischen Weib und der Eule erkennen (siehe auch die ähnliche Kopfhaltung und Augendrehung beider Figuren), die dem Stecher auch aus Darstellungen und der zeitgenössischen Praxis der Vogeljagd bekannt gewesen sein dürfte. Bei dieser wurde traditionell eine Eule als Lockvogel auf einer Lichtung platziert, um andere Vögel zu ködern. Die Lockeule wurde in der Literatur und etwa in Karnevalsliedern oder Spielen der Zeit häufig mit einer Prostituierten verglichen. Als einziger hat Max Geisberg (1939, S. 208) auf die Verbindung des Stiches des Meisters MZ mit der humoristischen Tradition der Volkslieder verwiesen. Er benennt ein bestimmtes von Ludwig Uhland (1845, S. 758) publiziertes Lied oder Spiel („Ducke dich, Hänsel!“), bei dem sich der Mann dem Willen der Frau beugen muss, wie auch das Wetter und das Unglück unabwendbare Umstände darstellen, denen sich der Mann nicht widersetzen sollte. Während Wetterphänomen und Frau im Lied verglichen werden, ist die Eule, welche für das Motiv des Meisters MZ so essentiell erscheint, nicht erwähnt.
Ob es eine direkte (literarische) Quelle für das Motiv der Frau mit Eule gibt muss ungeklärt bleiben. Eine Interpretation die beide Deutungsvarianten berücksichtigt – die der lichtscheuen Eule als Symbol des Bösen, die sich der Wahrheit entzieht, und diejenige des listigen Weibs, das analog zur Eule ihre Freier lockt – scheint hier am Ehesten zutreffend.
Maria Aresin
Bei diesem Kupferstich handelt es sich um das Werk des sogenannten Meisters MZ. Wie der Notname beziehungsweise seine Bezeichnung als Monogrammist mit Initialen andeuten, handelt es sich um einen Künstler, dessen genaue Identifizierung bis heute noch aussteht. Einiges spricht dafür, dass es sich bei diesem möglicherweise um den Münchner Goldschmied Matthäus Zaisinger (oder Zasinger bzw. Zaysinger) handelt, dessen belegte Werke – beispielsweise ein von ihm geschaffenes Reliquiar in Andechs – eine klare Inspirationsquelle in den Werken Albrecht Dürers aufweisen (Shestack 1967, Nr. 143 ff.). Auch der Meister MZ griff nachweislich immer wieder auf Motive und Themen des berühmtesten Kupferstechers seiner Zeit zurück. Wie schon Max Lehrs anmerkte (Lehrs 1929) scheint das oft eher spontane und wenig geübt wirkende Handling des Grabstichels durch den Meister MZ jedoch nicht unbedingt mit dem Beruf des mit Sicherheit äußerst versierten Hofkupferstechers Zaisinger zusammenzupassen. Dieser ist in München bis ca. 1555 belegt.
Der Meister MZ schuf insgesamt 22 Kupferstiche, die an vielen Stellen Verbindungen zum Hof von Albrecht IV. von Bayern offenkundig werden lassen. Darunter findet sich ein recht großformatiger Stich mit einer Festgesellschaft bei einem großen Ball (siehe Kunsthalle Bremen, Inv. 9002), auf dem vermutlich Albrecht IV. von Bayern und seine Frau Kunigunde von Österreich am Tisch im Hintergrund zu erkennen sind (Shestack 1967, Nr. 152). Auch auf dem Stich eines Reiterturniers (Kunsthalle Bremen, Inv. 9003) erscheinen die beiden wieder als Gastgeber. In anderen Werken wie MZs berühmter „Umarmung“ wird der Süddeutsche Raum als Beleg für die Herkunft des Künstlers zudem anhand der Mode und des Mobiliars offenkundig. Der Meister MZ verwendete zudem Papiere aus süddeutschen Papiermühlen, die oftmals dieselben Wasserzeichen aufweisen wie diejenigen Dürers.
Der Kupferstich mit der Frau und der Eule zeigt kein unmittelbar von Dürer inspiriertes, sondern vielmehr ein eigenständig erfundenes Motiv. Dieses fügt sich in das Repertoire des Meisters MZ gut ein, da dieser häufig die sogenannte Weibermacht thematisierte. Darunter finden sich sowohl weibliche Heroinnen der Bibel wie Judith mit dem Haupt Johannes des Täufers, aber auch antike Verführerinnen wie Phyllis, die durch ihre Schönheit sogar den großen Philosophen Aristoteles in die Knie zwang. Der hier besprochene Stich dagegen scheint keine bekannte Femme Fatale der Literatur zu zeigen, sondern wirkt durch die Verwendung des Spruchbands mit dem Appell („Duck dich“) vielmehr emblematisch. Die Frau mit den gerafften Röcken wendet sich ihm in die Sonne blinzelnd zu, während die Eule misstrauisch und beinahe nervös auf dem Ast in Bewegung gerät. Anders als in der heute gängigen Deutung der Eule als Symbol für Weisheit wird der Vogel hier als lichtscheues Wesen gezeigt, das die Wahrheit und Gerechtigkeit – symbolisiert durch das strahlende Licht – meidet. Hierbei folgt der Kupferstich vermutlich einer seit dem Mittelalter weit verbreiten Deutung der Eule als nachaktives Wesen der Dunkelheit. Diese durch Isidor von Sevilla und Hrabanus Maurus geprägte Interpretation geht wohl auf die Offenbarung des Johannes (3:20) zurück, in der es heißt: „Jeder, der Böses tut, hasst das Licht und kommt nicht zum Licht, damit seine Taten nicht aufgedeckt werden.“ Die Eule des Meister MZ und ihr rätselhafter Spruch wurden aus diesem Grund seit Adam Bartsch als Sinnbild des sich vor dem Licht der Erkenntnis versteckenden Sünders verstanden. Die Frau erscheint im Zuge dieser Deutung als Komplizin, die der Eule zur Flucht beziehungsweise zu einem Versteck unter ihrem Rock verhelfen möchte. Als lichtscheues Wesen, das sich ignorant vor der Wahrheit zu verstecken sucht, zeigt die Eule sich auch in einem Flugblatt Erhard Schöns von 1540 („Was hilfft mich sunn / licht oder prill / weyl ich doch selbs nicht sehen will“) sowie in Hans Wechtlins Darstellung einer Eule auf einem Schädel von 1520 („Ich Fyrcht Den Tag“). Beide Holzschnitte werden zudem von einem moralisierenden Spruchband begleitet.
Im Kupferstich des Meisters MZ ist anders als in den späteren Holzschnitten die Eule nicht allein gezeigt, sondern in Verbindung zum Weib, das sie verstecken will. Hierin lässt sich eine gewisse Analogie zwischen dem tückischen oder verführerischen Weib und der Eule erkennen (siehe auch die ähnliche Kopfhaltung und Augendrehung beider Figuren), die dem Stecher auch aus Darstellungen und der zeitgenössischen Praxis der Vogeljagd bekannt gewesen sein dürfte. Bei dieser wurde traditionell eine Eule als Lockvogel auf einer Lichtung platziert, um andere Vögel zu ködern. Die Lockeule wurde in der Literatur und etwa in Karnevalsliedern oder Spielen der Zeit häufig mit einer Prostituierten verglichen. Als einziger hat Max Geisberg (1939, S. 208) auf die Verbindung des Stiches des Meisters MZ mit der humoristischen Tradition der Volkslieder verwiesen. Er benennt ein bestimmtes von Ludwig Uhland (1845, S. 758) publiziertes Lied oder Spiel („Ducke dich, Hänsel!“), bei dem sich der Mann dem Willen der Frau beugen muss, wie auch das Wetter und das Unglück unabwendbare Umstände darstellen, denen sich der Mann nicht widersetzen sollte. Während Wetterphänomen und Frau im Lied verglichen werden, ist die Eule, welche für das Motiv des Meisters MZ so essentiell erscheint, nicht erwähnt.
Ob es eine direkte (literarische) Quelle für das Motiv der Frau mit Eule gibt muss ungeklärt bleiben. Eine Interpretation die beide Deutungsvarianten berücksichtigt – die der lichtscheuen Eule als Symbol des Bösen, die sich der Wahrheit entzieht, und diejenige des listigen Weibs, das analog zur Eule ihre Freier lockt – scheint hier am Ehesten zutreffend.
Maria Aresin
Abmessungen
- Blatt: 161 x 124 mm (beschnitten)
Raum
Werk nicht ausgestellt. Vorlage auf Anfrage möglich.
Inventarnummer
9009
Permalink
Werkinformationen
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| Creditline | Kunsthalle Bremen - Der Kunstverein in Bremen, Foto: Die Kulturgutscanner, Public Domain Mark 1.0 |
Werk nicht ausgestellt. Vorlage auf Anfrage möglich.
