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Henry de Buys Roessingh (*Bremen 1899 - † Estoril/Portugal 1954), Maler

Artischocke , 1920

Das kleine Stillleben zeigt einzig eine Artischocke im körbchenförmigen Blütenstand. Sie ist geringfügig aus der Bildmitte gerückt und neigt sich leicht nach links. Ein kurzer, tiefschwarzer Schlagschatten bildet das Gegengewicht auf der rechten Seite. Ein weiterer, sehr feiner und schräg links der Artischocke ansetzender Schatten überzieht Dreiviertel des Untergrundes. Es lässt sich nicht genau sagen, worauf die Artischocke liegt. Zunächst denkt man an ein schmales, von einem hellen Tuch bedecktes Bord. Kaum erklärlich ist dann jedoch der breite horizontale Streifen am vorderen Bildrand; seine rosa-braune Farbe kommt partiell auch in den Blättern des Gemüses vor. Ähnlich verhält es sich mit dem Hintergrund, der farblich eine Nuance des kühlen, schwarz durchwirkten charakteristischen Grau-Grün der Artischocke aufnimmt. In verhältnismäßig breiten, sichtbaren Pinselstrichen, die die fleischigen Blätter wiedergeben, setzt diese sich einerseits von der hellen Standfläche ab und geht andererseits mit dem Hintergrund eine harmonische Einheit ein, ohne jedoch darin aufzugehen. Dies verhindern schwarze Umrisse und kleine Flächen, die als Schatten zwischen den Blättern für die räumliche Wirkung sorgen. Dazu tragen auch die rosa-braunen Stellen bei, die darüber hinaus zusammen mit dem ausdrucksvollen Pinselstrich den Gegenstandbeleben. Malweise und Komposition lenken den Blick des Betrachters nahe auf das Motiv. Anregungen für sein Gemälde könnte de Buys Roessingh von Werken Edouard Manets erhalten haben, der in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts einige kleinformatige Stillleben mit einem zentralen Bildgegenstand schuf. Seine Darstellungen eines Spargelbundes oder gar einer einzigen Spargelstange, einer Zitrone oder eines Apfels führen im Kleinen die Bedeutung der malerischen Handschrift vor, auf die sich das Auge konzentriert richtet.(1) Ohne Verweis auf Ort, Zeit und symbolische Bedeutung steht die Malerei selbst im Blickpunkt. Darauf kam es offenbar auch de Buys Roessingh an. Er befindet sich damit in einer Reihe von Künstlern, auf die die Stillleben Manets inspirierend gewirkt haben, wie etwa Max Slevogt, dessen Erdbeeren von 1903 in der Kunsthalle Bremen beispielhaft dafür stehen können.(2) Mit großer Wahrscheinlichkeit malte de Buys Roessingh das Bild während seiner Pariser Zeit. Von 1919 bis 1931 weilte er in der französischen Metropole und hatte ausreichend Gelegenheit, die Malerei des Landes kennen zu lernen. Zudem hatte die als fremd und edel geltende Heil- und Gemüsepflanze in Frankreich einen großen Bekanntheitsgrad. Im letzten Jahr seines Paris-Aufenthaltes fand die Artischocke Eingang in die Sammlung der Kunsthalle Bremen.(3) Alice Gudera (1) Spargelbund (Une botte d’asperges), 1880, 44 x 54 cm, Wallraf-Richartz-Museum, Köln; vgl. Denis Rouart / Daniel Wildenstein: Édouard Manet. Catalogue raisonné, 2 Bde., Lausanne / Paris 1975, Bd. 1, Nr. 357, S. 268, Abb. S. 269. Spargel (L’asperge), 1880, 16 x 21 cm, Musée d’Orsay, Paris; ebd., Nr. 358, S. 270, Abb. S. 271. Zitrone (Le citron), 1880−81, 14 x 21 cm, Musée d’Orsay, Paris; ebd., Nr. 360, S. 270, Abb. S.271. – Apfel auf einem Teller (Pomme sur une assiette), 1880−82, 21 x 26 cm, Privatbesitz, Lausanne; ebd., Nr. 408, S. 298, Abb. S. 299. (2) 46,5 x 57 cm; Gerhard Gerkens / Ursula Heiderich: Katalog der Gemälde des 19. und 20. Jahrhunderts in der Kunsthalle Bremen, 2 Bde., Bremen 1973, S. 309, Abb. 337. (3) Das Bild war jedoch in einer Ausstellung seiner Werke in der Kunsthalle 1953 nicht vertreten; Henry Roessingh, Gemälde und Aquarelle, Kusnthalle Bremen, 22. März bis 19. April 1953 (ohne Katalog); vgl. dazu Ausstellungsbuch 1957–2007, S. 19f.
Abmessungen
  • Objekt: 22,3 x 25,8 cm
Raum
nicht ausgestellt
Inventarnummer
34-1931/12
Permalink

Werkinformationen

Künstler

Henry de Buys Roessingh (*Bremen 1899 - † Estoril/Portugal 1954), Maler

Werk
Titel
Artischocke
Entstehungsdatum
1920er Jahre
Grunddaten
Abmessungen
  • Objekt: 22,3 x 25,8 cm
Werktyp
Gemälde
Technik
Öl auf Pappe
Bezeichnungen
  • unten links signiert: H. de B. Roessingh
Erwerbsinformation

    1931

  • Leihgabe der Freien Hansestadt Bremen 1931
Creditline
  • Kunsthalle Bremen. Foto: Karen Blindow