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Willy Menz (*Quezaltenango/Guatemala 1890 - † Bremen 1969), Maler

Hafen von New York , 1930

Das Bild entstand im Frühjahr 1930 während des zehntätigen Aufenthaltes von Willy Menz in New York. Der Künstler fuhr im Auftrag des Norddeutschen Lloyd in die Vereinigten Staaten, auf der Hinfahrt mit der Berlin, auf der Rückfahrt mit der legendären Bremen, dem damals schnellsten Schiff auf der Transatlantik-Route von Europa nach New York. Regelmäßig reiste Menz zu günstigen Konditionen mit großen Schiffsunternehmen wie Lloyd, Hansa oder Argo, da er deren Überseedampfer mit Bildern ausstattete. Am 21. April 1930 legte die Berlin im New Yorker Hafen an. In den folgenden Tagen hielt Menz seine Eindrücke vor dem Motiv in Ölgemälden, Aquarellen und gezeichneten Skizzen fest. Dem East River mit den Piers galt sein besonderes Interesse. Willy Menz malte die Ansicht des Flusses mit dem Hafen vor der Skyline Manhattans vom Dachgarten seines Hotels im gegenüberliegenden New Yorker Stadtteil Brooklyn.(1) Der Blick schweift in westliche Richtung auf die Spitze der Halbinsel. Besonderes Gewicht haben aus dieser Perspektive der Fluss und die Piers sowie kleine und größere in der Bucht ein- und ausfahrende Dampfschiffe. Am vorderen Bildrand nehmen die in Aufsicht gezeigten Schuppen am Brooklyn-Ufer viel Raum ein. Strahlenförmig scheinen sie einerseits auf die Spitze des Finanzdistrikts hinzudeuten, andererseits bilden sie eine kompositorische Einheit mit den gegenüberliegenden Gebäuden, die sich wie Pendants am jenseitigen Ufer erstrecken. Die Silhouette Manhattans rückt eher in die Ferne. Schemenhaft und summarisch wiedergegeben korrespondieren eine Reihe der Hochhäuser mit dem Blau-Grau des Hintergrundes: dem Küstenstreifen von New Jersey und dem wolkenverhangenen Himmel. Weiter vorn bilden einige gelbe Fassaden einen Blickfang, der von gelblichen Rauchwolken wieder aufgegriffen wird. Insbesondere der Hafenkomplex auf der Manhattan-Seite wirkt belebt und geschäftig, zum einen durch den aufsteigenden Dampf der Schiffe, der sich schlierenartig mit den Fassadenflächen zu vermischen scheint, zum anderen durch pointiert gesetzte rote Farbinseln an der unregelmäßigen vorderen Bebauung. Willi Menz schildert einen Eindruck von dem Industrie- und Handelsstandort New York. Skizzenhaft setzt er die kraftvollen Farben mit deutlich sichtbarem, teils virtuosem Pinselstrich auf die Leinwand, deren Gewebe an manchen Stellen auch offen sichtbar ist. Seine Faszination für das Hafengeschehen der Weltmetropole findet einen unmittelbaren Ausdruck in dem Dampf, den Wolkengebilden und Lichtreflexen auf dem Wasser. Die künstlerische Gestaltung zeugt von Menz‘ Inspiration durch den französischen Impressionismus: Am Beginn solcher Darstellungen steht Claude Monets Hafenbild Impression, soleil levant von 1872, das schließlich Auslöser für die Bezeichnung „Impressionismus“ wurde.(2) Unter den deutschen Künstlern, die seit den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts impressionistische Tendenzen aufnahmen, war es vor allem Carlos Grethe (1864−1913), der sich bevorzugt maritimen Sujets widmete.(3) Die ausgeprägt impressionistische Handschrift in den New York-Bildern von Willy Menz fällt auf, während sonst in seinem Œuvre die Linie eine größere Rolle spielt. Die Kürze des Aufenthaltes und der unmittelbare Eindruck des nie zuvor Gesehenen mögen die skizzenhafte Malweise vor dem Motiv befördert haben.(4) Die eher heitere Farbpalette unterstreicht seine Begeisterung für den Ort, dessen wirtschaftliche Blüte zu Anfang des 20. Jahrhunderts mit dem Börsencrash am „schwarzen Donnerstag“, dem 24. Oktober 1929, also kurz vor Menz‘ Ankunft, ein jähes Ende fand. Auf die Vielzahl von Menz‘ New York-Ansichten folgten bei der Rückfahrt mit der Bremen zahlreiche Aquarelle von den Maschinen im Turbinen-, Generatoren- und Kesselraum des hochmodernen Schiffes.(5) Der genauen Schilderung der Anlagen liegt eine intensive Beobachtung zugrunde. Es handelt sich bei diesen Werken jedoch nicht um akribisch-dokumentarische, einem Zweck untergeordnete Abbildungen, denn auch hier hält der Künstler in lockerer Malweise den ersten Eindruck fest, den die gewaltigen Konstruktionen auf ihn gemacht haben. Bereits im Sommer 1931 wurden einige der New York-Aquarelle in der Bremer Kunsthalle ausgestellt.(6) Sie fügen sich in die lange Reihe der von Menz besonders geschätzten maritimen Darstellungen, die er auf seinen zahlreichen Reisen anfertigte. Alice Gudera (1) Bernd Küster: Willy Menz 1890−1969. Ein Bremer Maler, Achim 1990, S. 49. (2) Claude Monet, Impression, soleil levant, 1872, 48 x 63 cm. Paris, Musée Marmotton; Daniel Wildenstein: Claude Monet. Biographie et catalogue raisonné, 5 Bde., Lausanne / Paris 1973−1996, Bd. 2, Nr. 263, S. 113. (3) Der deutsche Impressionismus, Kat. Ausst. Kunsthalle Bielefeld 2009/2010, Köln 2009, S. 190−193. (4) Das dem Bild der Kunsthalle Bremen sehr nahe stehende Werk mit dem Titel New York im Historischen Museum Bremerhaven zeigt bei den Gebäuden und der ausschnitthaft wiedergegeben Brooklyn Bridge eine stärkere Wirkung von Flächen und Linien. (5) Jürgen Schmidt: Die Menz-Sammlung des Deutschen Schiffahrtsmuseums. Zum 100. Geburtstag des Bremer Malers und Graphikers Professor Willy Menz, in: Deutsches Schiffahrtsarchiv 13 (Zeitschrift des Deutschen Schiffahrtsmuseums), 1990, S. 297−323, hier 311−317. (6) Juni-Ausstellung. Hermann Giebel, Martin Konopacki, Prof. Willy Menz und Adolf Praeger,3. bis 29. Juni 1931, s. dazu: Ausstellungsbuch 1930−1935, die Werke von Menz unter den lfd. Nrn. 1084−1112. Im Jahr 1933 waren zwei Werke ausgestellt, von denen eines dasjenige im Besitz der Kunsthalle gewesen sein könnte, da jedoch bei der Nennung technische Angaben fehlen, könnte es sich auch um Aquarelle handeln: Juni-Ausstellung. ‚Kunst in der Schiffahrtswerbung‘ und Arbeiten von A. Ritscher, Bremen, veranstaltet vom Norddeutschen Lloyd Bremen, Kunsthalle Bremen, 8. Juni bis 1. Juli 1933, s. dazu: Ausstellungsbuch 1930−1935, lfd. Nrn. 3435f.
Abmessungen
  • Objekt: 54,5 x 66 cm
Raum
ausgestellt: OG Mittelsaal
Inventarnummer
412-1933/4
Permalink

Werkinformationen

Künstler

Willy Menz (*Quezaltenango/Guatemala 1890 - † Bremen 1969), Maler

Werk
Titel
Hafen von New York
Entstehungsdatum
1930
Grunddaten
Abmessungen
  • Objekt: 54,5 x 66 cm
Werktyp
Gemälde
Technik
Öl auf Leinwand
Bezeichnungen
  • unten rechts signiert und datiert: W. Menz 30
Erwerbsinformation

    1933

  • Geschenk des Norddeutschen Lloyd Bremen, Juni 1933
Creditline
  • Kunsthalle Bremen. Foto: Karen Blindow

Kollektionen