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Helmuth Westhoff (*Bremen 1891 - † Fischerhude 1977), Maler

Damenbildnis , 1924

Nach freundlicher Mitteilung von Herrn Cohrs, Worpswede, soll hier eine Wienerin dargestellt sein, die Westhoff 1924 in Berlin gemalt hat. Das Bildnis zeigt den Künstler auf dem Höhepunkt seiner Porträtkunst. Die junge Frau sitzt in Dreiviertelfigur und in Dreiviertelansicht mit leicht geneigtem Kopf. Sie trägt einen voluminösen, schweren Pelzmantel. Ihre Hände liegen locker verschränkt im Schoß. Das Bild ist in fein abgestuften Brauntönen gehalten. Aus den breiten Ärmelaufschlägen des Pelzes ragen die weich modellierten Frauenhände in hellem Inkarnat hervor. Auch der Halsansatz und das Gesicht lösen sich im zarten Hautton aus dem braunmelierten Pelz, dessen üppige, schwere Fülle die Empfindsamkeit der femininen Erscheinung betont. Der Blick der großen, dunklen Augen wandert nachdenklich träumend nach rechts aus dem Bild heraus, die schwarzen Haare trägt die Frau nach der Mode der Zeit wellenförmig nach hinten gelegt. Gesicht und Hände sind die ruhenden Pole in diesem Bild. Pelz und Hintergrund sind mit breitem lockerem Pinsel gemalt, der die Oberflächen durch flackernde gelbliche Lichter belebt. Die Gestalt hebt sich stellenweise von den helleren Brauntönen des Hintergrundes ab, versinkt aber gleichzeitig in dem dunkel rahmenden Graubraun und Schwarzbraun des Grundes. Die lichten und dunklen Partien wecken die Vorstellung eines gedämpften Lichtkegels, der die Gestalt beleuchtet und hinter ihr als Schatten auf der Wand erscheint. Gleichzeitig aber erzeugen der erregte Duktus der Pinselschrift und die fleckigen Farblichteffekte eine Bewegung im Raum, die als innere Befindlichkeit, vielleicht auch als eine Art psychisches Fluidum der Dargestellten zum Ausdruck kommt. Der Künstler vermeidet die deutliche Unterscheidung der stofflichen Eigenheiten zugunsten einer Aufhebung der materiellen Realität, um die persönliche Ausstrahlung der Dargestellten in den Vordergrund zu rücken. Der träumerische Ausdruck und das Versinken in der Dunkelheit der Umgebung werden so als ein Wesenszug der jungen Wienerin erfahrbar. In einer Tagebuchaufzeichnung aus dem Jahr 1938 bezeichnete Westhoff das Erfassen der Persönlichkeit als seine eigentliche künstlerische Bestimmung: „Meine Aufgabe und Begabung, die Menschen richtig zu sehen, d.h. ihr wahres Selbst, was für sie wichtig ist und die Situationen verändert durch meine bloße Anwesenheit und bewusste, innere Haltung auch ohne äussere Aktivität.“(1) Mit Sicherheit hat Westhoff sowohl in der gedämpften Farbigkeit wie auch in dem energischen Pinselduktus und den Hell-Dunkel-Effekten Anregungen seines Lehrers Leo von König übernommen, der in Berlin als einer der führenden Porträtmaler galt. Auch in der Vermittlung einer dichten Lebensstimmung folgt er ganz der Auffassung seines Lehrers und dessen subtiler Annäherung an die Psyche seiner Modelle. Von König war geradezu spezialisiert auf Damenbildnisse von zarter Weiblichkeit und leichter Schwermut. 1925 malte er ein Porträt seiner zweiten Frau Anna von König in gelbem Pelz, das in Malweise und Stimmung, ja auch im Typus der Dargestellten dem Damenbildnis von Helmuth Westhoff nahe verwandt ist.(2) Katharina Erling (1) Zit. in: Herbert Albrecht: Zu den Bildern und zum Werk von Helmuth Westhoff, in: Helmuth Westhoff 1891–1977, Kat. Ausst. Galerie Cohrs-Zirus, Worpswede 1979, o.S. [Porträts]. (2) Öl auf Leinwand, 75 x 61,3 cm, Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie, Inv. Nr. B601, in: Verzeichnis der Vereinigten Kunstsammlungen Nationalgalerie (Preußischer Kulturbesitz), Galerie des 20. Jahrhunderts (Land Berlin), Berlin 1968, S. 112 unter dem Titel Frau in gelbem Pelz.
Abmessungen
  • Objekt: 97 x 77 cm
Raum
nicht ausgestellt
Inventarnummer
85-1926/5
Permalink

Werkinformationen

Künstler

Helmuth Westhoff (*Bremen 1891 - † Fischerhude 1977), Maler

Werk
Titel
Damenbildnis
Entstehungsdatum
1924
Grunddaten
Abmessungen
  • Objekt: 97 x 77 cm
Werktyp
Gemälde
Technik
Öl auf Leinwand
Bezeichnungen
  • unten rechts signiert und datiert: H. Westhoff 24
Erwerbsinformation

    1926

  • Erworben aus Mitteln der Freien Hansestadt Bremen (Stadtgemeinde) 1926
Creditline
  • Kunsthalle Bremen. Foto: Karen Blindow