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Arthur Fitger (*Delmenhorst 1840 - † Bremen 1909), Maler

Wandbildentwurf: Parnass berühmter Trinker , 1895

Der Entwurf für das Wandbild mit dem Titel Parnass berühmter Trinker versammelt in der Art lustiger Studentenlieder in fröhlicher Runde bekannte Trinker aus Literatur und Geschichte vor einem großen Weinfass. Fitger benannte die einzelnen Personen in seinen Aufzeichnungen:(1) Ganz links ist der mit einer Amphore im Arm trunken am Boden hockende Noah zu sehen, über ihm schwebt die Taube mit dem Ölzweig. Neben ihm steht Sokrates mit Toga und Trinkbecher und hinter ihm der für seine üppigen Gelage bekannte römische Feldherr Lukullus mit dem römischen Feldzeichen. Das Pendant dazu bilden rechts vom Fass ein, wie Fitger anmerkte, „Bruder Karthäuser als Erfinder des Branntweins (oder wenn das vornehmer klingt, des Liqueurs) und der Prälat Fugger mit der Orvietoflasche ‚Est-Est’“. Fitger nahm hier Bezug auf den trunksüchtigen Prälaten Johannes Fugger, der im Jahre 1110 auf der Reise nach Rom mit Kaiser Heinrich V. seinen Diener zur Kennzeichnung einer Schenke mit gutem Wein ein „est“ an die Türe schreiben ließ und dies später auch als Grabinschrift erhielt. Er wurde dadurch zum Namensgeber des italienischen Weißweins „Est! Est!! Est!!!“ Der Karthäuser lauscht den großspurigen Tiraden von Shakespeares Sir John Falstaff, dem in Literatur und Oper beliebten trink- und raufsüchtigen Soldaten. Er sitzt breitbeinig am Tisch vor dem Fass und unterhält seine Zechkumpane. Ihm gegenüber sitzt der Studiosus Hieronymus Jobs aus dem komischen Epos Jobsiade des Mülheimer Arztes und Autors Carl Arnold Cortum. Fitger wollte ihn laut seinen schriftlichen Aufzeichnungen „mit Kanonen, Schläger und Renommirhund“ ausstatten. Aus der Tatsache, dass er die Kanonen nicht in den Entwurf und auch nicht in das Wandbild übernahm kann man schließen, dass diese Aufzeichnungen vorab entstanden. Zur Linken von Jobs folgen Kaiser Wenzel mit Krone und Hermelinmantel und der Seeräuber Klaus Störtebeker. Zu Füßen von Falstaff hat der Heidelberger Zwerg Perkeo, Hofmeister und Mundschenk des pfälzischen Kurfürsten Karl III. und Wächter des großen Heidelberger Fasses auf der Brüstung Platz genommen. Er stimmt mit seiner Laute in die feucht-fröhliche Stimmung der lustigen Gesellschaft ein und verleiht mit seinen über die Brüstung baumelnden Beinen der Szene eine barockisierende Note. An venezianische Barockmalerei erinnert auch der neben ihm sitzende Rückenakt, ein germanischer Krieger, der seinem Kumpan mit einem mit Met gefüllten Kuhhorn zutrinkt. Ganz deutlich verarbeitete Fitger hier Anregungen aus verschiedenen Stilen und Epochen, klassizistisch anmutende Gestalten wie Sokrates in der Art eines Anselm Feuerbach stehen neben Figuren aus dem Deutschen Mittelalter, wie sie sein Lehrer Moritz von Schwind gemalt hat. Das unbekümmerte Potpourri aus bekannten und weniger bekannten Figuren jedweder Herkunft ist charakteristisch für Fitgers Dekorationsstil und den historisierenden Eklektizismus der gründerzeitlichen Auftragskunst. Der Titel Parnass berühmter Trinker ist eine ironische Anspielung auf Raffaels Parnass in den Stanzen des Vatikans mit den um Apoll versammelten berühmten Schriftstellern aus alter und neuer Zeit. Mit Blick auf Raffaels Stanzen und seine Schule von Athen dürfte auch Sokrates als „berühmter Trinker“ in Fitgers Parnass Eingang gefunden haben. Sicher stimmte Fitger hier in der Art eines Trinkliedes die witzige Verballhornung des ehrwürdigen Vorbildes an. Seine Verse unterhalb der Darstellung unterstreichen dies: „Im Olymp bei festlichen Gelagen / Brüder sind wir uns einander nah“. Die Entwürfe zeigen eine poetisch naive Konzeption im Sinne der Figurenwelt seines Lehrers Moritz von Schwind. Dieser liebenswürdig heitere Charakter ging bei der Ausführung im Remter weitgehend verloren. Zudem veränderte Fitger einige Details. Fast wie Zitate nach Schwind wirken die beiden Kapuzen tragenden Mönche des Entwurfs. Im Remter malte Fitger den Prälaten Fugger dagegen ohne Kapuze. Einzelne Ergänzungen wie eine tote Katze im Zwickel zu Noahs Füßen, ein Degen mit geschwungenem Griff hinter dem Studenten, die Freistellung der sitzenden Germanen und üppiger rankende Weinreben wurden wohl durch die Situation vor Ort notwendig. Der romantisch-altdeutsche Klang, wie ihn die Gestalten auf den Entwürfen zeigen und der etwas schwerfälligere, altdeutsche Charakter in der Ausführung dürften dem historistischen Bauprogramm und der Vorstellung eines nach mittelalterlichem Vorbild errichteten Ratskellers geschuldet sein. Der äußere Rahmen bestimmte bei Fitger den Stil und das Thema der Malerei. So konnte er, je nachdem ob es ein kirchlicher, ein öffentlicher oder ein privater Auftrag war, die Stilart Barock, Renaissance oder Rokoko ganz nach den Erwartungen des Auftraggebers verändern. Eine ähnliche Mischung aus deutschem Mittelalter und Barock findet man auch in Fitgers Wandbilder-Zyklus nach Deutschen Volksmärchen für das Haus der Familie Hachez in Bremen, der 1894, also etwa gleichzeitig mit den Entwürfen zum Remter im Hamburger Rathaus entstand.(2) Katharina Erling (1) Handschriftliche Aufstellung Fitgers in den Unterlagen zur Rathausbaukommission im Staatsarchiv Hamburg, Rathausbaukommission 322–1, 193: Fertigstellung und Einweihung des Ratsweinkellers 1892–1896. (2) Vgl. den Text zu Fitgers Entwurf Zwei Kinder an einem Schwanenteich.
Abmessungen
  • Objekt: 139 x 228 cm
Raum
nicht ausgestellt
Inventarnummer
1105-1973/9
Permalink

Werkinformationen

Künstler

Arthur Fitger (*Delmenhorst 1840 - † Bremen 1909), Maler

Werk
Titel
Wandbildentwurf: Parnass berühmter Trinker
Entstehungsdatum
1895
Grunddaten
Abmessungen
  • Objekt: 139 x 228 cm
Werktyp
Gemälde
Technik
Öl auf Leinwand
Erwerbsinformation

    1973

  • Geschenk der Erben Dr. Paul Crasemann, Hamburg 1973
Creditline
  • Kunsthalle Bremen. Foto: Karen Blindow

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