Größere Ansicht

Friedrich Böhme (*Bremen 1889 - † Bremen 1925), Maler

Kamelie , 1924

Im Jahr 1924 malte Friedrich Böhme das Stillleben mit rotblühender Kamelie. Die Topfpflanze mit zwei weit geöffneten Blüten bildet das Hauptmotiv, vereinzelte Knospen verheißen weitere Blüten. Der mittlere der drei Triebe ist an einem dünnen Rankstab befestigt. Lichteinfall von links oben lässt die gebogenen Blätter in helleren und dunkleren Partien changieren, die somit einen lebhaften Rahmen für die zwischen dem Grün eingebetteten, eng zusammenstehenden Blüten formen. Im Kontrast zu der makellosen Schönheit der feinen und intensiv leuchtenden Blütenblätter steht ein braungeflecktes Blatt, das durch seine Stellung deutlich hervorgehoben ist. In leichter Aufsicht schildert der Künstler den Blumentopf mit dem weißen Untersetzer, der − etwas aus der Mitte gerückt − auf einem Tisch steht. Das rötliche Tischtuch weist eine schwarze Musterung auf und spiegelt damit die Bewegung und die geschwungene Form der Blätter. Der Tontopf wirft einen schwachen Schatten. Den Fond bildet ein blassgraues Karomuster, das sich aus Überkreuzungen von Strängen ergibt, die wiederum aus feinen, parallel gesetzten Streifen bestehen. Dabei fällt eine gewisse Unregelmäßigkeit in der Linienführung auf. Sie lässt auf eine handwerkliche Malweise ohne geometrische Hilfsmittel schließen. Das Muster spricht für einen Vorhang, doch zeigt sich hier keinerlei Faltenwurf. Daher könnte es sich auch um eine Tapete handeln. Mit der Kamelie hat Friedrich Böhme ein Stillleben im Stil der Neuen Sachlichkeit geschaffen. Das Sujet ist typisch für diese in den zwanziger Jahren aufkommende Stilrichtung. In überrealistischer Deutlichkeit und mit großer Präzision rückt er die intensiv farbige Pflanze kontrastreich ins Zentrum einer nüchtern gestalteten Umgebung. Die besondere Schärfe der Kontur, die präzise Formwiedergabe, die fast unwirkliche Erscheinung der bekannten Lebenswelt lassen die Blume deutlich als gestaltetes Kunstwerk erscheinen und nicht im Sinne eines Trompe-l’œil. Im Unterschied zu vielen Künstlern der neusachlichen Richtung, die jeglichen Verweis auf die eigene Handschrift negierten und Farben in Flächen einheitlich bündelten, enthält Böhmes Bild durchaus sichtbare malerische Akzente. Darin zeigt es eine enge Verwandtschaft mit dem Camelien-Stilleben von Adolf Erbslöh aus demselben Jahr.(1) Die Kamelie gehörte neben der Amaryllis und der Clivia zu den – insbesondere in bürgerlichen Kreisen – beliebtesten Blumen und zu den bevorzugten Pflanzenmotiven der Neuen Sachlichkeit.(2) Darüber hinaus zählen Darstellungen von exotischen Grünpflanzen wie Kakteen, Gummibäumen oder Agaven zum neuen Stilllebenrepertoire, denn sie kamen einem bestimmten Formempfinden entgegen, hatten kein repräsentatives Äußeres und keine traditionell mitschwingende Bedeutung.(3) Alle genannten Pflanzen kommen nun auf Gemälden als Topfblume im Wohnbereich vor. Dies bezeugt die allgemeine Verbreitung auch exotischer Pflanzen in den zwanziger Jahren und die in der Zeit aufkommende ‚Kultur der Zimmerpflanze‘, die nicht mehr ein Privileg gehobener Kreise darstellte, sondern als Modeströmung Einzug in die verbesserten, helleren Wohnungen weiter Teile der Bevölkerung hielt.(4) Ziel vieler Maler, die sich für diese Pflanzenmotive entschieden, war der Blick auf alltägliche Lebenssituationen − zumeist unvoreingenommen, bisweilen auch mit Hinweisen auf unzureichende soziale Umstände. Böhme beschreibt die Kamelie als dekoratives, aber zugleich vergängliches Element innerhalb eines bescheiden anmutenden Ambientes. Während die Blume im 19. Jahrhundert zur adligen und großbürgerlichen Kultur gehörte, erfuhr sie im Laufe der Zeit eine so weite Verbreitung, dass sie in den zwanziger Jahren als Topfblume das wohnliche Umfeld des ‚einfachen Mannes‘ verschönerte. Böhmes Darstellung lässt neben einem genauen Pflanzenstudium auch eine Kenntnis botanischer Bücher vermuten, wie sie etwa von Pierre-Joseph Redouté bekannt sind. In jedem Fall stellt sich der Künstler demonstrativ in die Tradition der älteren Kunst. Dies unterstreichen seine fein ausgearbeitete Malweise, der Bildträger aus Holz und seine Signatur in altmeisterlicher Manier, die ähnlich bei vielen Malern der Neuen Sachlichkeit vorkommt.(5) Böhme zeigt sich hier – ein Jahr vor seinem frühen Tod − als Maler auf der Höhe der Zeit. Welche Stellung das Bild innerhalb seines Œuvres einnimmt, lässt sich heute kaum bestimmen, da nur wenige seiner Werke überliefert sind und sie bisher noch nicht wissenschaftlich untersucht wurden.(6) Alice Gudera (1) Adolf Erbslöh, Camelien-Stilleben, 1924, 82 x 66 cm. Privatsammlung; Neue Sachlichkeit. Bilder auf der Suche nach der Wirklichkeit. Figurative Malerei der zwanziger Jahre, Kat. Ausst. Kunsthalle Mannheim 1994/95, München 1994, S. 202 mit Abb. (2) Kristina Heide: Form und Ikonographie des Stillebens in der Malerei der Neuen Sachlichkeit, Weimar 1998 (zugleich Phil. Diss.), S. 116−117. (3) Ebd., S. 109−116. (4) Ebd., S. 108. (5) Ebd., S. 50. (6) Im Kupferstichkabinett der Kunsthalle Bremen befinden sich einige Zeichnungen und Aquarelle Böhmes.
Abmessungen
  • Objekt: 65 x 50 cm
Raum
ausgestellt: OG Raum 27
Inventarnummer
59-1925/6
Permalink

Werkinformationen

Künstler

Friedrich Böhme (*Bremen 1889 - † Bremen 1925), Maler

Werk
Titel
Kamelie
Entstehungsdatum
1924
Grunddaten
Abmessungen
  • Objekt: 65 x 50 cm
Werktyp
Gemälde
Technik
Öl auf Holz
Bezeichnungen
  • unten rechts datiert und monogrammiert: F. B. 1924.
Erwerbsinformation

    1925

  • Vermächtnis des Künstlers 1925
Creditline
  • Kunsthalle Bremen - Der Kunstverein in Bremen