Größere Ansicht

Anonym, deutsch (Bremen), 19. Jahrhundert (*1801 - † 1900), Maler

Miniaturporträt des Bürgermeisters J. Smidt , 1800

Auf einem handtellergroßen, ovalen Elfenbeinplättchen malte ein unbekannter Künstler das Bildnis des Bremer Bürgermeisters Johann Smidt (1773–1857).(1) Smidt ist in einem ovalen Bildausschnitt im Dreiviertelprofil dargestellt. Brust und Schultern sind im Anschnitt zu erkennen. Das Gesicht weist die charakteristische Physiognomie Smidts mit breiter Stirn und vorstehendem Kinn auf. Grau-weiße Haare rahmen sein Gesicht. Smidt trägt eine grau-blaue Jacke mit breitem Revers. Darunter ist er mit einem weißen Hemd mit Vatermörderkragen bekleidet, um den Hals hat er ein Halstuch in der Farbe seiner Jacke gebunden. Die Konturen sind weich und verwischt, wie es für die Malerei auf Elfenbein typisch ist. Die Künstler konnten die Farbe nur in feinen Strichen oder Punkten auftragen, da dichte, übereinanderliegende Malschichten auf Elfenbein nicht haften. Daher ist der Farbauftrag sehr dünn und der helle, transparente Bildträger aus Elfenbein schimmert unter der Malschicht durch.(2) Bei dem Dargestellten handelt es sich um den Bremer Bürgermeister Johann Smidt, der 1773 in Bremen als Sohn eines Pastors geboren wurde. Nach dem Besuch des Gymnasiums Illustre studierte er Theologie in Jena. Smidt kehrte 1797 nach Bremen zurück und lehrte zunächst als Professor der Philosophie am Gymnasium Illustre, bevor er mit 27 Jahren als Ratsherr berufen wurde. Er blieb jedoch zunächst nicht lange in der Politik, sondern arbeitete als Notar, ehe er 1821 zum Bürgermeister Bremens gewählt wurde und bis zu seinem Tod im Jahr 1857 im Amt blieb.(3) Smidt setze sich stark für die Unabhängigkeit der Hansestädte, insbesondere Bremens, ein.(4) Als sein bedeutendstes Verdienst gilt die Gründung Bremerhavens im Jahr 1827.(5) Das Miniaturportät zeigt Smidt bereits als älteren Mann und kann demnach nur wenige Jahre, bevor es der Bremer Senator Dr. Gerhard Caesar (1792–1874) dem Kunstverein 1849 schenkte, entstanden sein. Wilhem Hurm bemerkt im Gemäldekatalog der Kunsthalle Bremen aus dem Jahr 1892, dass das Porträt „angeblich nach einer Lithografie“(6) gemacht wurde. Hierbei könnte es sich um einen Stich von August Weger (1823–1892) aus Leipzig handeln.(7) Kleidung, Haar, Haltung sowie das Alter Smidts in dem Bremer Miniaturporträt stimmen mit dem Stich überein. Der Stich Wegers scheint auf einer undatierten Photographie Smidts(8) zu basieren. Daher stellt sich die Frage, ob dem Bremer Miniaturporträt die Photographie oder die Lithographie als Vorlage diente. Kopf und Körper Smidts wirken auf der Lithographie strenger und gestreckter als auf der Photographie. Das könnte darauf hindeuten, dass die weichere Darstellung der Elfenbeinminiatur direkt auf die Photographie und nicht auf den Stich Wegers zurückgeht. Es ist nicht bekannt, zu welchem Anlass die Elfenbeinminiatur entstanden ist. Miniaturporträts auf kleinen Elfenbeintafeln waren bereits seit dem 16. Jahrhundert sehr beliebt. Die Porträts waren zumeist als Andenken gedacht, wurden jedoch im 19. Jahrhundert von der Photographie verdrängt.(9) Im Fall der Bremer Elfenbeinminiatur ist die Gleichzeitigkeit von Photographie und Miniaturporträt demnach bemerkenswert. Der Entstehungszeitpunkt des Bildes lässt sich durch ein weiteres Stück aus der Sammlung der Kunsthalle Bremen eingrenzen. Es handelt sich dabei um eine Medaille aus dem Jahr 1846, die avers Smidt im Profil, revers das Bremer Rathaus zeigt.(10) Die Medaille erinnert an das 25-jährige Dienstjubiläum Smidts als Bürgermeister von Bremen am 26. April 1846.(11) Alter, Physiognomie und Kleidung Smidts stehen dem Miniaturporträt sehr nahe. Möglicherweise wurde es aus demselben Anlass in Auftrag gegeben. Der Senator Dr. Caesar war selbst Mitglied im Kunstverein, als er das Porträt Smidts 1849 für die Sammlung übergab. Im Jahr 1849 trat die neue Bremer Verfassung in Kraft, die unter anderem die Gewaltenteilung begründete.(12) Caesar wurde daraufhin Richter. Im selben Jahr, am 1. Mai 1849, wurde die Kunsthalle Bremen eröffnet. Dies könnte Anlass für das Geschenk Caesars gewesen sein. Henrike Hans (1) Andreas Kreul: Kunsthalle Bremen – Gemälde-Verzeichnis, Wiesbaden 1994, Kat. Nr. 39. (2) Elfenbein ist ein sehr festes und dichtes Material, in das die Farbe nicht eindringen kann. Stattdessen haftet die Farbe auf der Oberfläche des Malgrundes. Dieses Merkmal von Elfenbein wurde von den Künstlern genutzt, um insbesondere in hell-bemalten Flächen Lichtreflexe zu erzeugen. Bei dem Porträt Smidts scheint es, als ob der Künstler Teile der Malfläche, insbesondere im Bereich des Hemdes unbemalt gelassen hat, um die helle Fläche des Elfenbeins durchscheinen zu lassen. Leo Schidlof: The Miniature in Europe, Bd. 1, Graz 1964, S. 2. (3) Smidt war einer von vier Bremer Bürgermeistern, die das Amt gemeinsam inne hatten. In der Revolutionszeit von 1849 bis 1852 übte er sein Amt nicht aus. Herbert Schwarzwälder: Das Große Bremen Lexikon, Bremen 2002, S. 668. (4) Smidt war 1813 Senator für die auswärtigen Angelegenheiten und wirkte in dieser Tätigkeit für die Unabhängigkeit Bremens in Frankfurt und Paris. Bremische Biographie des neunzehnten Jahrhunderts, hg. von der Historischen Gesellschaft des Künstlervereins, Bremen 1912, S. 465. (5) Vgl. Ebd., S. 468 f. Heutzutage wird die Amtszeit Smidts teilweise kritisch bewertet, da er sehr konservative und auch antisemitische Ansichten vertrat. Vgl. Schwarzwälder 2002 (wie Anm. 3), S. 668. (6) Wilhelm Hurm: Beschreibendes Verzeichnis der Gemälde und Bildhauerwerke des Kunstvereins zu Bremen, Bremen 1892, S. 132. Dies ist ebenso im „Goldenen Buch“ der Kunsthalle Bremen vermerkt. (7) Der Stich ist in dem Buch Johann Smidt – Ein Gedenkbuch zur Säcularfeier seines Geburtstages, hg. von der Historischen Gesellschaft des Künstlervereins zu Bremen, 1873 als Vorsatzbild abgedruckt. (8) Maße: 15 x 10 cm, Stadtarchiv Bremerhaven, Sammlung Buschmann. (9) Vgl. Schidlof 1964 (wie Anm. 2), S. 4. (10) Inv. Nr. 365-1953/1. (11) So lautet die Umschrift der Medaille avers: DR.JOHANN SMIDT ZUM BUERGERMEISTER ERWAEHLT AM 26. APRIL 1821. Revers: DIE FREIE HANSESTADT BREMEN ZUR FEIER DES 26. APRIL 1846. (12) Schwarzwälder 2002 (wie Anm. 3), S. 759.
Abmessungen
  • Objekt: 8 x 6,5 cm
Raum
nicht ausgestellt
Inventarnummer
163-1849
Permalink

Werkinformationen

Künstler

Anonym, deutsch (Bremen), 19. Jahrhundert (*1801 - † 1900), Maler

Werk
Titel
Miniaturporträt des Bürgermeisters J. Smidt
Entstehungsdatum
1. Hälfte 19. Jahrhundert
Grunddaten
Abmessungen
  • Objekt: 8 x 6,5 cm
Werktyp
Gemälde
Technik
Öl auf Elfenbein
Erwerbsinformation

    1849

  • Geschenk Senator Dr. Caesar, Bremen 1849
Creditline
  • Kunsthalle Bremen. Foto: Karen Blindow