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Helmuth Westhoff (*Bremen 1891 - † Fischerhude 1977), Maler

Selbstbildnis , 1924

Das Selbstbildnis ist lebensgroß als Halbfigur und im Halbprofil ins Bild gesetzt. Der Künstler präsentiert sich selbstbewusst und elegant, mit einem hellen, breitkrempigen Hut und offenem weißen Hemdkragen unter einem graugrünen Sakko. Seine linke Hand – im Spiegelbild erscheint sie als rechte – ist demonstrativ erhoben, seine Rechte ist herausfordernd in die Seite gestützt. Hand, Hut und Ellbogen werden von den Bildrändern überschnitten, so dass die Gestalt das Bildformat förmlich zu sprengen scheint. Westhoff war, was man einen schönen Mann nennt, groß, stattlich, mit ausgeprägten Gesichtszügen; auch soll er seine Wirkung auf Menschen wohl gekannt haben. Die belehrende Gestik, der kritisch prüfende Schrägblick zum Spiegel und die stolz aufgerichtete Haltung vermitteln den Eindruck einer kunstvollen Inszenierung der eigenen Person in selbstgewisser Überlegenheit. Westhoff beschäftigte sich intensiv mit philosophischen Schriften, u.a. mit Meister Eckhart, Fichte und Nietzsche. Nietzsches Zarathustra und seine Lehre vom Übermenschen erfreuten sich in den zwanziger Jahren in Künstlerkreisen großer Beliebtheit. Die darin entwickelte Vorstellung des „Idealmenschen“ könnte in Westhoffs Selbstbildnis einen Niederschlag gefunden haben. Die Malweise des Bildes lässt aber noch auf einen weiteren Aspekt von Westhoffs Persönlichkeit schließen, der diesen ersten Eindruck ergänzt. Das Bildnis ist im oberen Bereich mit lockeren breiten Pinselzügen in dunklen Graugrün-, Blaugrau- und Graubrauntönen angelegt. Schwarzbraune Konturen befestigen die kompakte Erscheinung des Brustbildes. Darunter öffnet sich die Farbfläche, und der Sockel des Bildnisses löst sich in skizzenhafte Andeutungen auf, so dass die körperliche Erscheinung an Substanz und tragendem Halt zu verlieren scheint. Besonders deutlich lässt sich dieser gestalterische Gegensatz in der teils realistisch modellierenden, teils skizzenhaft andeutenden Malweise der Hände ablesen. Die flackernde Lichtregie der Gelb-, Ocker und Orangetöne des Bildgrundes im Kontrast zu den dunklen Partien, aus denen die körperliche Erscheinung herauswächst, unterstreicht die Ungewissheit, ja Haltlosigkeit der räumlichen Verankerung und untergräbt damit die Pose der überlegenen Selbstgewissheit. Westhoff litt in jenen Jahren oftmals an depressiven Zuständen. Die Zwiespältigkeit seiner Persönlichkeit scheint hier gültigen Ausdruck gefunden zu haben. Die offene, zeichnende Malweise hatte Westhoff erstmals um 1910 in Paris bei den Bildern von Toulouse-Lautrec und den Spätimpressionisten kennen gelernt und in seine Bildnisse übersetzt. Das Selbstbildnis entstand 1924 in Berlin.(1) Es markiert die Wende vom farbstarken, energisch zeichnenden und strukturierenden Spätimpressionismus hin zu einer locker duftigen Malweise in freiem Pinselduktus und gedämpftem Kolorit, wie er sie ab 1920 während seiner Lehrzeit bei dem Porträtmaler Leo von König in Berlin einsetzte. Das Unvollendete als bewusstes Stilmittel findet man in mehreren Porträts Westhoff aus den zwanziger Jahren. Meist ist es als wirkungsvolle Inszenierung der geistig-seelischen Wesensart der jeweiligen Persönlichkeit eingesetzt. Das Herausarbeiten der seelischen Regungen seiner Modelle war auch das Anliegen seines Lehrers Leo von König, der in Berlin einen herausragenden Ruf als Porträtmaler genoss. Auch Porträts aus dem Umkreis der Berliner Secession, etwa von Lovis Corinth oder Max Slevogt, könnten Westhoff in der suggestiven Handhabung sich öffnender, freier Bildstrukturen bestärkt haben. So zeigt es etwa das Bildnis der Mutter von 1925,(2) das konzentrierte, aber lebendige Ruhe ausstrahlt, oder auch sein 1927 gemaltes Selbstbildnis als Magier.(3) Hier steht die Dichte des fein modellierten, nach innen gewendeten Gesichts und der Hände im spannungsvollen Kontrast zur aufgelösten Körperlichkeit, wodurch der Künstler als Zauberer und Vermittler zwischen einer äußeren und einer inneren Wirklichkeit erscheint. Westhoff hat zeit seines Lebens Selbstporträts gemalt und gezeichnet. Oft zeigen sie eine starke Selbstbezogenheit, die bis zum Eindruck des Narzissmus geht. In den zwanziger Jahren stellte er sich gerne in Verkleidung dar, wohl aus Spaß an der Inszenierung der eigenen Person, aber auch um durch die spielerische Form vielschichtige Facetten des eigenen Selbst besser auszuloten. Auch im Selbstbildnis der Bremer Kunsthalle erscheint er in gewisser Hinsicht „verkleidet“, nämlich in der Rolle des überlegen auftretenden Individuums der goldenen zwanziger Jahre in Berlin, dessen wahre Befindlichkeit aber als düstere Befangenheit mitschwingt. Das Selbstbildnis war auf allen größeren Ausstellungen Westhoffs zu sehen und gilt als ein Hauptwerk seines malerischen Schaffens. Katharina Erling (1) G. H: Als Porträtmaler Schüler Corinths, in: Weser Kurier, 3. September 1976 mit Abb. (2) Öl auf Leinwand, 98 x 74,5 cm, Galerie Cohrs Zirus, Worpswede. (3) Öl auf Leinwand, Fischerhuder Galerie, Kunstverein Fischerhude in Buthmannshof.
Abmessungen
  • Objekt: 106,5 x 75 cm
Raum
ausgestellt: OG Mittelsaal
Inventarnummer
1043-1971/12
Permalink

Werkinformationen

Künstler

Helmuth Westhoff (*Bremen 1891 - † Fischerhude 1977), Maler

Werk
Titel
Selbstbildnis
Entstehungsdatum
1924
Grunddaten
Abmessungen
  • Objekt: 106,5 x 75 cm
Werktyp
Gemälde
Technik
Öl auf Leinwand
Bezeichnungen
  • unten rechts signiert und datiert: H. Westhoff 24.
Erwerbsinformation

    1971

  • Leihgabe des Senators für das Bildungswesen 1971
Creditline
  • Kunsthalle Bremen. Foto: Lars Lohrisch

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