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August Wilhelm Wedeking (*Bremen 1807 - † München 1875), Maler

Selbstbildnis , 1839

Das Gemälde wurde der Kunsthalle Bremen im Jahr 2006 als Selbstbildnis des Künstlers August Wilhelm Wedeking geschenkt. Zwar wird diese Zuschreibung nicht durch eine Signatur bestätigt, doch lässt die Provenienz des Bildes an der Autorschaft des Malers kaum Zweifel: Die Mutter der Donatorin, Irene Strauß, war eine geborene Wedeking. In Dreiviertelansicht erscheint das Brustbild des Malers vor einem neutralen braunen Hintergrund. Wedeking trägt einen dunklen Leibrock, dessen Kragen hoch in den Nacken reicht. Das Fehlen einer Krawatte um den weißen Hemdkragen verleiht dem Dargestellten eine zwanglose Erscheinung.(1) Für sein Porträt verzichtete der Maler auf jegliches Attribut. Pinsel und Palette sucht der Betrachter vergebens. Der Künstler beschränkte sich ganz auf die feinmalerische Wiedergabe seines Äußeren, wofür er tonig abgestimmte, leicht erdige, Farbtöne verwendete. Glatt und faltenfrei ist die Haut, klar und blau sind die schauenden Augen. Der Mimik lassen sich keine Gefühlsregungen ablesen. In Bezug auf den Bildausschnitt, die Pose des Dargestellten und die Pinselführung unterscheidet sich das Erinnerungsbild kaum von den gängigen zeitgenössischen Bürgerporträts. Im Biedermeier tendierten viele Künstler und im Besonderen die Porträtmaler zu einer nüchternen Darstellungsweise.(2) Eine ähnlich bescheidene Form der Selbstinszenierung wählte der Kasseler Künstler August von der Embde. Sein Selbstporträt aus dem Jahr 1819 (Staatliche Kunstsammlungen Kassel)(3) weist bereits alle wesentlichen Gestaltungsmerkmale auf, die auch Wedekings Gemälde auszeichnen: Von der Embde ist von der Brust aufwärts und in Dreiviertelansicht vor einem undefinierten Hintergrund abgebildet. Über einem weißen Hemd ohne Krawatte trägt er eine rotbraune Weste und einen dunkelbraunen Leibrock. Mit der realistischen Schilderung des Lichteinfalls geht eine plastische Modellierung der Physiognomie einher. Von auffallender Qualität ist die Ausführung der Haut mit ihren nuancierten Farbabstufungen, Schattenzonen und Glanzpunkten. In der Individualisierung des Dargestellten ist das Gemälde ganz auf die Wiedergabe des äußeren Erscheinungsbildes beschränkt, denn auf eine Gefühlsregung im mimischen Ausdruck oder beschreibende Attribute wurde auch hier verzichtet. Einen subtilen Hinweis auf ein möglicherweise künstlerisches und freigeistiges Naturell gibt – wie im Falle des Selbstbildnisses von Wedeking – der krawattenlose Hemdkragen. Bei dem Selbstbildnis Wedekings in Bremen verdienen die Bart- und Haarfrisur besondere Aufmerksamkeit: Eine üppige Kombination aus Schnurr- und Ziegenbart sowie halblanges lockiges Haupthaar charakterisieren das Erscheinungsbild. Im Vergleich mit einem zeitgenössischen Freundschaftsbild von Rudolf Julius Hübner wird deutlich, dass es sich hierbei sehr wahrscheinlich um das zeittypische Auftreten eines Künstlers handelte: Im Jahr 1839 malte Hübner das Gruppenporträt Jung-Düsseldorf (Nationalgalerie, Berlin).(4) Die drei dargestellten Personen lassen sich anhand einer aufgemalten Inschriftenleiste als die Künstler Karl Friedrich Lessing, Karl Sohn und Theodor Hildebrandt identifizieren.(5) Bereits 1840 in Dresden ausgestellt, entwickelte sich das Bild früh zu einem der bekanntesten Porträts aus dem Kreis der Düsseldorfer Malerschule. Die ausgesprochene Lebensnähe der Kopfbüsten wurde schon von den Zeitgenossen gelobt.(6) Auffällig ist, dass die Haar- und Barttracht Lessings und Hildebrandts nahezu exakt derjenigen Wedekings entspricht. Eine Ausnahme bildet der zusätzliche Kinnbart des Bremer Malers. Sehr wahrscheinlich war diese auffällige Haarmode unter Künstlern beliebt. Obwohl das Haar lockig über die Ohren fällt, bleibt die Stirn – als der Sitz der Gedanken – frei. Indem der üppige Schnauzbart fast vollständig die Lippen verdeckt, erfahren die Augen und der Blick eine zusätzliche Betonung. Sowohl Hübner als auch Wedeking maßen der veristischen Wiedergabe des konzentrierten Künstlerblickes einen hohen Stellenwert bei. Mit den Worten Wilhelm Waetzolds veranschaulichen solche Künstlerbildnisse „die Gewohnheit des Beobachtens und Fixierens, durch den steten Gebrauch aller Fähigkeiten des Auges“.(7) Zwei Aspekte sprechen für eine Datierung von Wedekings Selbstbildnis in das Jahr 1841: Zum einen lassen die zuvor gemachten Beobachtungen auf eine Entstehung in zeitlicher Nähe zu Hübners Jung-Düsseldorf schließen. Zum anderen begann Wedeking im genannten Jahr seine Ausbildung zum Porträtmaler in Düsseldorf.(8) Es liegt nahe, dass der Künstler zu Studienzwecken unter anderem sich selbst als Modell wählte. Kai Hohenfeld ( ) Wir danken Frau Prof. Waltraud Dölp, Bremen, für ihre freundliche Unterstützung bei der Analyse der dargestellten Kleidermode. (2) Vgl. Georg Himmelheber: Kunst des Biedermeier 1815–1835. Architektur, Malerei, Plastik, Kunsthandwerk, Musik, Dichtung und Mode, Kat. Ausst. Bayerisches Nationalmuseum München 1989, S. 34f. (3) Vgl. ebd., S. 211, Nr. 22 mit Abb. (4) Vgl. Irene Haberland: Hübner d. Ä., in: Lexikon der Düsseldorfer Malerschule 1819–1918, Bd. 2, München 1998, S. 145–148. (5) Vgl. Barbara Dietrich/PeterKrieger/Elisabeth Krimmel-Decker: Nationalgalerie Berlin. Staatliche Museen Preussischer Kulturbesitz. Verzeichnis der Gemälde und Skulpturen des 19. Jahrhunderts, Berlin 1976, S. 179f. (6) Vgl. Die Düsseldorfer Malerschule und ihre internationale Ausstrahlung 1819–1918, Kat. Ausst. Museum Kunstpalast, Düsseldorf, 2011/12, 2 Bde., Petersberg 2011, Bd. 2, S. 26f., Nr. 12. (7) Wilhelm Waetzoldt: Die Kunst des Porträts, Leipzig 1908, S. 334. (8) Vgl. Bremische Biographie des neunzehnten Jahrhunderts, hg. von der Historischen Gesellschaft des Künstlervereins, Bremen 1912, S. 514.
Abmessungen
  • Objekt: 62 x 49,5 cm
Raum
ausgestellt: OG Mittelsaal
Inventarnummer
1411-2006/3
Permalink

Werkinformationen

Künstler

August Wilhelm Wedeking (*Bremen 1807 - † München 1875), Maler

Werk
Titel
Selbstbildnis
Entstehungsdatum
um 1840
Grunddaten
Abmessungen
  • Objekt: 62 x 49,5 cm
Werktyp
Gemälde
Technik
Öl auf Leinwand
Erwerbsinformation

    2006

  • Geschenk Irene Strauß, Bremen 2006
Provenienz
  • 2006 Kunsthalle Bremen - Der Kunstverein in Bremen erworben als Geschenk Irene Strauß
  • mind. 2006 Irene Strauß erworben als Erbe ihrer Mutter, geb. Wedeking
  • Creditline
    • Kunsthalle Bremen. Foto: Karen Blindow

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