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August Wilhelm Wedeking (*Bremen 1807 - † München 1875), Maler

Gertrude Heyn, die Schwester von Gertrud Wedeking und Betty Heyn (geb. 2. Februar 1830) , 1856

Im Jahr 1856 malte August Wilhelm Wedeking das Porträt von Gertrude Heyn, geboren am 2. Februar 1830 in Bremen.(1) Sie war die Schwester der ersten Gattin des Künstlers, Gertrude Margarethe.(2) Das Bild zeigt die Dargestellte als Halbfigur vor einem schlichten Hintergrund von olivgrüner Färbung. Während der Oberkörper nach rechts gerichtet ist, wendet Gertrude Heyn ihr Gesicht dem Betrachter zu, den sie unmittelbar anblickt. Ein matt schimmerndes grünes Tuch umfängt Schultern und Arme. Eng liegt das Oberteil des hochgeschlossenen schwarzen Tageskleides am Körper an. Gertrude Heyn trägt einen Kragen aus feiner Spitze, eine emaillierte Brosche und Ohrgehänge im Stil des Neorokoko. Ihr lockiges Haar ist mittig gescheitelt, am Hinterkopf zusammengebunden und mit breiten Schleifenbändern besteckt.(3) Schrittweise, von der Taille aufwärts bis zum Haupt, wirkt die Dargestellte zunehmend lebendiger und tritt in Kontakt mit dem Betrachter: Das grüne Stofftuch verdeckt die Arme und fesselt damit deren gestisches Ausdruckspotenzial, doch in der schrägen Position des Oberkörpers deutet sich bereits eine vorsichtige Bewegung an. Eine Akzentuierung des Halses, welcher dem Kopf gleichsam als Sockel dient, leisten der weiße Kragen und die Brosche. Das Haupt ist in Dreiviertelansicht wiedergegeben, so beleuchtet das von links einfallende Licht vor allem die rechte Gesichtshälfte. Hieraus ergeben sich Hell-Dunkel-Werte, welche der plastischen Modellierung der Physiognomie dienen und die Illusion einer räumlichen Annäherung an den Betrachter erzeugen. Der direkte Blickkontakt vermittelt einen subtilen Eindruck von Interaktionsfähigkeit. Trotz der feinmalerischen Ausarbeitung und des verhaltenen Lächelns gibt das Bildnis wenig über das Wesen der Dargestellten preis. Der Schmuck, den der Maler mit pastosen Farbtupfern hervorhob, dient nur der Zierde, sagt aber wenig über den bürgerlichen Status des Modells aus. In der biedermeierlichen Porträtmalerei kam insbesondere bei Frauen der Idealisierung ein höherer Stellenwert zu als der Individualisierung. Schön zu sein, war fester Bestandteil des weiblichen Rollenverständnisses. Der Maler hatte außerdem die Aufgabe, Sanftmut und Sittsamkeit zum Ausdruck zu bringen. Eine Frau wurde folglich so dargestellt, wie sie den gesellschaftlichen Normen gemäß erscheinen sollte. Viel wichtiger als die Wiedergabe eines authentischen Äußeren und des Charakterbildes war es, der Porträtierten ein geziemendes ‚Image‘ zu verleihen.(4) Das Gemälde ist somit ein typisches bürgerliches Erinnerungsbild: Im Biedermeier stieg die Nachfrage nach Porträts, die im Privatraum aufgehängt wurden, um die familiäre Zusammengehörigkeit zu bezeugen. Diese Bildnisse waren für gewöhnlich einer realistischen und gleichzeitig idealisierenden Malweise verpflichtet. Das innovative Potenzial des Künstlers und seine Fähigkeit, eine unverkennbare ‚Handschrift‘ zu entwickeln, traten hinter den repräsentativen Ansprüchen der bürgerlichen Kundschaft zurück.(5) Kai Hohenfeld (1) Vgl. Die Maus. Gesellschaft für Familienforschung e. V., Bremen, Stammtafel Nr. 7106. Die von August Wilhelm Wedeking gemalten Porträts der Schwestern Gertrude Heyn, Gertrud Margarethe Wedeking und Betty Heyn wurden schon 1955 in einem Zeitungsartikel (o. V.: Altbremer Familienbilder, in: Weser-Kurier, Nr. 299, 24.12.1955) abgedruckt und beschrieben. Die Identifikation der Dargestellten folgt den Angaben dieses Artikels. (2) Das Porträt der Gertrud Margarethe Wedeking (1811–1843), der Schwester Gertrude Heyns, befindet sich ebenfalls in der Sammlung der Kunsthalle Bremen (Inv. Nr. 1396–2005/3). (3) Wir danken Frau Prof. Waltraud Dölp, Bremen, für ihre freundliche Unterstützung bei der Analyse der dargestellten Kleidermode. (4) Vgl. Hildegard Westhoff-Krummacher: Als die Frauen noch sanft und engelsgleich waren. Die Sicht der Frau in der Zeit der Aufklärung und des Biedermeier, Kat. Ausst. Westfälisches Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Münster 1995/96, Münster 1995, S. 37f. Nach Andreas Köstler lässt sich das Porträt im Allgemeinen nicht als ein Medium zur Dokumentation von menschlicher Individualität begreifen. Das künstlerisch gestaltete Abbild geht aus spezifischen Entstehungsbedingungen hervor und entspricht zugleich den Erwartungen von Auftraggeber und Rezipient. Es handelt sich um ein konstruiertes Image und seiner Gestalt liegt eine spezifische Intentionalität zugrunde. Vgl. Andreas Köstler: Das Porträt: Individuum und Image, in: Bildnis und Image. Das Portrait zwischen Intention und Rezeption, hg. von Andreas Köstler/Ernst Seidel, Köln/Weimar/Wien 1998, S. 9–14. (5) Vgl. Carola Muysers: Das bürgerliche Porträt im Wandel. Bildnisfunktionen und –auffassungen in der deutschen Moderne 1860–1900, Hildesheim/Zürich/NewYork 2001, S. 126f.
Abmessungen
  • Objekt: 75 x 60,5 cm
Raum
nicht ausgestellt
Inventarnummer
1399-2005/6
Permalink

Werkinformationen

Künstler

August Wilhelm Wedeking (*Bremen 1807 - † München 1875), Maler

Werk
Titel
Gertrude Heyn, die Schwester von Gertrud Wedeking und Betty Heyn (geb. 2. Februar 1830)
Entstehungsdatum
1856
Grunddaten
Abmessungen
  • Objekt: 75 x 60,5 cm
Werktyp
Gemälde
Technik
Öl auf Leinwand
Bezeichnungen
  • unten rechts signiert und datiert: AW Wedeking 1856.
Erwerbsinformation

    2005

  • Geschenk Kurt Freese, Gertrude Freese-Frerichs und Tochter Petra, Massapequa, New York 2005
Creditline
  • Kunsthalle Bremen. Foto: Karen Blindow

Kollektionen